Es ist 02:57 Uhr, ich kann nicht schlafen, und ich gelange mehr und mehr zu der Überzeugung, dass Gesellschaft mindestens zum Teil daran schuld ist.
Ich frage mich seit einer Weile, ob es legitimerweise so sein kann, dass der Lebensrhythmus einiger Menschen um mehrere Stunden gegen den Rhythmus verschoben ist, nach dem die Gesellschaft lebt – denn wenn dem so ist, dann gehöre ich dazu. Für mich fing es damit an, dass ich auf dem 28C3 in Berlin erlebt habe, wie die Vorträge mittags begonnen haben, bis 1 oder 2 Uhr morgens gingen und die Leute sich bis 4 oder 5 Uhr vergnügt und ausgetauscht haben – und es fühlte sich richtig an.
Aus der Sicht einer großen Mehrheit der Bevölkerung ist die Sache ganz klar: Alle müssen zur Arbeit, und die Arbeit fängt um 8 Uhr an. Wer nicht gerade Student (per definitionem faul) oder Schichtarbeiter ist, dessen Wecker hat zu klingeln solange eine „07“ vorne steht, sonst steht er im Verdacht, die Gesellschaft mutwillig durch Nichtteilnahme zu verhöhnen.
Wie passt es aber in dieses Bild, dass einige Menschen zwischen Mitternacht und Morgengrauen besonders produktiv sein können, und es auch gern sind? Gestern habe ich von 0 bis 2 Uhr wichtige Unterlagen sortiert, geistreiche Emails mit den besten Gedankengängen schlagen gern um diese Zeit auf, die Liebesbriefe meiner Schulzeit sind nachts entstanden, Admins bauen die tollsten Systeme auf wenn ihre Nutzer schlafen.
Das vorherrschende Bild des „Langschläfers“ aber bemisst sich nur daran, wo sich eine Person morgens halb 10 in Deutschland gerade befindet: Beim dritten Kaffee im Büro, oder auf der Maloche, mit den Gedanken schon in der Mittagspause? Bravo, ein guter Bürger. Im Bett? Pfui, welch ein Schmarotzer!
Warum aber dieser Missmut? „Wir müssen nun mal alle früh raus!“, schallt es dem Fragenden wütend entgegen, aber allein das Konzept der „Morgenshow“ im Radio – dieser freiwilligen Lobotomie aus Kalauern und Konservenmusik – zeigt, dass der Großteil der Gesellschaft offenbar selbst nicht viel Gutes daran findet.
Außer natürlich: „Man hat ja sonst nichts vom Tag!“ In der Tat. Das liegt daran, dass selbst Deutsche nur einige Stunden am Tag arbeiten können, und wenn sie gegen 8 Uhr damit anfangen, hören sie eben gegen 18 Uhr damit auf. Dann schließen die Supermärkte, machen die Einzelhändler die Gitter runter, stellen die Büroangestellten ihre Kaffeetasse in die Spüle. Bei Behörden, Bahn, Post und jeder Art Schalterbetrieb sind ab 18 Uhr die Monitore dunkel, Banken machen vorsichtshalber schon um 16 Uhr zu. Es ist mir ernsthaft unbegreiflich, wie es gedacht ist, dass alle zur gleichen Zeit arbeiten, und dennoch Dinge außerhalb ihrer Arbeit geregelt bekommen – schließlich hat dann alles zu! Neulich sagte eine Angestellte der Bahn um kurz vor 18 Uhr genervt und veständnislos zu mir: „Den ganzen Tag ist kommt keiner, und kurz vor Feierabend wollen sie alle was!“ Dass das ihr voller Ernst war, ließ mich sprachlos zurück.
Aber kommen wir zu der Frage zurück: Warum ist das so? Es kann nur daher rühren, dass tagsüber die Sonne scheint. In einer Gesellschaft ohne billige und wirkungsvolle künstliche Lichtquellen ist es notwendig, die natürliche Helligkeit zu nutzen und die Phase der Inaktivität in die Zeit zu legen, in der die Dunkelheit Verrichtungen aller Art erschwert. Fans der Evolutionspsychologie würden jetzt bestimmt erzählen, was Raubtiere und Höhlenmenschen zu welchen Tageszeiten so tun, aber ich finde, man muss gar nicht weiter als einige Jahrhunderte zurückschauen.
Und so ist die Gesellschaft darauf ausgerichtet, mit Sonnenaufgang ihre Verrichtungen zu beginnen und sie mit Sonnenuntergang niederzulegen. Wohlstand und technischer Fortschritt haben es ermöglicht, zwischen Sonnenuntergang und Schlaf noch einige Stunden Unterhaltung, Geselligkeit und Alkoholkonsum zu legen, aber das war’s dann auch.
Warum aber muss die Gesellschaft daran festhalten? Bis auf wenige Ausnahmen können praktisch alle Tätigkeiten heutzutage mit keinem oder geringem Aufwand zu einer beliebigen Tageszeit verrichtet werden. Schwerlasttransporte, Müllabfuhr und Straßenreinigung zeigen dabei, dass es sogar sehr nützlich sein kann, anfallende Arbeiten zeitlich zu verteilen, anstatt dass alle gleichzeitig versuchen, ihren Verrichtungen nachzugehen.
Ich glaube, dass zu einem wesentlichen Teil Vorurteile und festgefahrene Denkmuster eine Lockerung dieser Situation verhindern. Und ich bin damit nicht alleine. @zeitweise, ein prominenter Spieleentwickler, sagte neulich:
Gerwald Claus-Brunner, MdA in Berlin, wurde 2011 für das Ansprechen dieser Thematik im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verhöhnt, und zum Bundesparteitag der Piratenpartei in Bochum wurde ein ernst gemeinter Antrag in dieser Sache eingereicht.
Und ich sitze um 03:57 aufrecht im Bett und schreibe seit einer Stunde diesen Text. Morgen früh … ja, morgen früh, denn morgen ist nach dem Schlafen. „Du meinst wohl gestern, hihi!“ ist für Andersschläfer so lustig wie „Du isst ja meinem Essen das Essen weg!“ für Vegetarier.
Morgen früh jedenfalls werde ich wieder übermüdet sein und mindestens bis Nachmittags kaum etwas geschafft kriegen. Ab dem frühen Abend kann ich gut arbeiten, und vielleicht sitze ich wieder nachts wach, meine Freundin friedlich neben mir schlafend, und tue etwas Nützliches.
Wer aber nicht mit dem mitfühlen kann, was ich beschreibe, der wird mich womöglich an dieser Stelle im Text wieder einen „Langschläfer“ heißen, mir raten mich zusammenzureißen, mir Respektlosigkeit gegenüber vielen hart arbeitenden Menschen vorhalten. Das liegt mir fern! Ich frage mich lediglich, warum wir nicht die Gesellschaft flexibilisieren können, wenn es keine Nachteile bringt und einigen Menschen mehr Teilhabe ermöglicht.
Gewerkschaften und Kirchen sehen das zwar ganz anders – aber eine ernsthafte Diskussion darüber wurde noch nie geführt, weil es in der Gesellschaft noch nicht akzeptiert ist, dass es Andersschläfer gibt, die nicht faul, rücksichtslos oder krank sind, sondern eben einfach – anders.
Neuigkeiten vom Kampf gegen die chrononormative Frühaufsteherdiktatur twittern übrigens auf amüsante Weise und zu vernünftigen Uhrzeiten die Nachtaktiven Piraten.
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