In my university’s research group, there’s a traditional weekly seminar known as „Kaffee und Technik“, where people will show each other tricks and methods they learned in the course of their research. Recently having taught myself a working knowledge of simple binary data storage and readout with Python, I compiled a little lecture on the subject.

Hoping that someone out there might also find this useful, I’m posting my slides here:

In case you’re wondering: The editor I am using is wxHexEditor. I found it to be a very good hex editor, with many more capabilities than most others out there. It is actively being developed and works equally well on Windows and Linux. It even compiled without any dependency hassle on an oldish system of mine.

So, if you’re looking for a good hex editor, try wxHexEditor. The project’s homepage is somewhat of a hassle to navigate around, but it’s definitely worth it.

Nach anstrengender Rückfahrt, bei der wir Brandenburg in vollen Zügen (haha!) genossen haben gibt es hier nun wie versprochen die Folien zu meinem Vortrag.

Ein paar Fehler, auf die ich direkt nach dem Vortrag angesprochen wurde, sind hier schon korrigiert. Ob es eine Aufzeichnung in Video und/oder Audio gibt, weiß ich leider nicht – wenn ich von einer erfahre, werde ich sie natürlich hier verlinken.

Die Titelfolie des Talks

Link zu den Folien – Bild anklicken

Update: Mir wurde angetragen, die Aussage zu Bürgermeisterwahlen (Piraten sollten es vermeiden, daran teilzunehmen) sei unbegründet. Das stimmt natürlich, weil die entsprechende Folie nicht das enthält, was ich dazu erzählt habe. Deshalb hier eine kurze Aufstellung der Argumente:

  • Contra: Piraten erzielen bei Oberbürgermeisterwahlen selbst bei für uns sehr positiver politischer Stimmung einfach nicht mehr als 3–4%. Das rechtfertigt den Aufwand kaum und es ist nichtmal gesichert, mit einer beachtenswerten Stellung als vierte oder auch nur fünfte Kraft rauszugehen. Insgesamt bleibt also eher ein negativer Eindruck.
  • Pro: Man hat die Gelegenheit, mit Programmatik und Werbematerial (auch Plakate) auf die Piraten aufmerksam zu machen.
  • Möglicher Kompromiss: Es kann nützlich sein, besonders wenn es viele, auch unabhängige Kandidaten gibt, mit einer öffentlichen Kandidaten-Vorstellungsrunde auf die Piraten aufmerksam zu machen und eine seltene Gelegenheit zu bieten, die Kandidaten an einem Fleck zu haben. Das ganze wird natürlich gestreamt usw., und am Ende könnte eine basisdemokratisch abgestimmte Wahlempfehlung stehen.

Die präsentierten Informationen sind mit wenigen Ausnahmen auch auf kommunalpiraten.de zu finden und werden dort aktuell gehalten. Ich habe die Seite Ende des Jahres 2011 fertiggestellt und betreibe sie allein, aber mit den Hinweisen vieler Aufmerksamer Piraten. Ich freue mich besonders über Flattr-Anerkennung für das Projekt :)

P.S.: Ich hatte – angesichts der Aufregung beim Higgs-Seminar in der selben Woche – auf einer Folie Comic Sans versteckt und vor Beginn des Vortrags dazu aufgefordert, sie zu finden. Kein Zuhörer hat sich während oder nach dem Vortrag dazu gemeldet, was ich mal als Kompliment am Vortrag werte ;) Die übrigen Schriftarten habe ich übrigens hauptsächlich von dieser Seite hier.

Ein Hörsaal von hinten im Publikum fotografiert, vorn eine bespielte Leinwand, zahlreiche Zuschauer, einige mit Laptop, schauen konzentriert nach vorn.

Der DESY-Hörsaal, in dem Physiker gespannt den Livestream vom CERN verfolgen. Foto: @JamieDass auf Twitter

Gerade komme ich vom „Public Viewing“ der Physiker am Hamburger DESY-Forschungszentrum, wo das CERN-Seminar mit Neuigkeiten von der Suche nach dem Higgs-Boson durch die beiden Experimente CMS und ATLAS live auf der Leinwand Übertragen wurde. Der Hörsaal war voll und am Schluss floss Champagner – ein gelungener Morgen für die ungewöhnlich fröhlichen Physiker vor Ort.

Aber größtenteils konnte meine Followerschaft auf Twitter doch nur mit einer amüsierten Distanz meine Tweets wie diese verfolgen:

Deshalb möchte ich an dieser Stelle mal darauf eingehen, wovon wir da eigentlich sprechen. Ich will mich darauf konzentrieren, wie solche Teilchen eigentlich gefunden werden – zur Natur des Higgs-Bosons und seiner Bedeutung für das „aktuell gültige Weltbild“ der Teilchenphysik, das Standardmodell, seien diese Quellen empfohlen:

Also, was hat es mit den ganzen „sigma“ auf sich, und warum scheint ausgerechnet 5 sigma – mit griechischer Tastatur zu Hand hätte ich korrekterweise 5σ geschrieben –  eine magische Grenze zu sein, gerade so als ginge es um die 5%-Hürde bei einer Bundestagswahl? Dazu hole ich mal ein bisschen aus und erzähle, wie Teilchenexperimente mit Beschleunigern eigentlich funktionieren:

(Disclaimer: Bei der Produktion dieses Blogpost kamen keine Kraftfahrer zu Schaden!)

Man stelle sich vor, wir wollten das Innere eines LKW-Motors untersuchen, aber die Heisenbergsche Unschärferelation verbietet es uns, den LKW einfach aufzumachen und reinzuschauen. Das ist ausgesprochen ärgerlich, aber mit absoluter Sicherheit nicht zu ändern. Was bleibt uns übrig? Nun, die Unschärferelation erlaubt uns Untersuchungen des LKW, aber nur solange er schnell unterwegs ist – sagen wir mal mindestens 300 km/h. Bei der Fahrt Draufsetzen und Reinschauen ist aber nicht drin, denn wir haben es nicht mit einem richtigen LKW, sondern mit einer Analogie für ein Proton zu tun, und Protonen zu reiten ist noch niemandem gelungen.

Also beschleunigen wir die LKW auf 300 km/h und lassen sie ineinander rasen – einen von jeder Seite, mit einer relativen Aufprallgeschwindigkeit von 600 km/h. Da ergeht es den Protonen nicht anders als unseren symbolischen LKW: Wenn sie aufeinandertreffen, sind sie Matsch.

Ein Schwarzweißfoto von Werner Heisenberg

Werner Heisenberg (1901–1976), kein Freund von LKW. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1986-0310-501 / CC-BY-SA

Aber die umherfliegenden Trümemrteile erlauben uns einen Rückschluss darauf, was im Motor war! Dreihundertvierundzwanzig Schrauben in sechzehn Größen werden nach der Kollision von der Autobahn aufgesammelt, ein Kolben hat einen Baum durchschlagen und die Kurbelwelle steckt in einem Brückenpfeiler – wenn man das oft genug macht, bekommt man ein Bild von der Zusammensetzung und sogar der Funktionsweise des Motos. Das klingt verrückt, aber so und nicht anders war es möglich, das Innere von Protonen zu untersuchen, was übrigens maßgeblich am DESY in Hamburg mit Proton-Elektron-Kollisionen gelang.

Okay, nun haben wir also auf die umständlichst mögliche Weise ein Bild vom Inneren des LKW-Motors gewonnen, weil ein gewisser Herr Heisenberg uns nichts anderes erlaubt. Aber was lernen Teilchenphysiker wirklich aus den Kollisionen von Protonen? Erfahren wir nur, was im Proton steckt, oder gibt es noch mehr zu erfahren?

Nun, da die Kollision das Proton nicht intakt lässt – Physiker sprechen von inelastischen Kollisionen – , können sich aus der „Energiesuppe“, die im Moment der Kollision am Ort des Aufpralls entsteht, alle möglichen Teilchen bilden. Das ist großartig für uns, weil wir nur handelsübliche Protonen (leicht aus Wasserstoff zu gewinnen) zur Kollision bringen müssen als Resultat auch exotische Teilchen beobachten können, die sehr seltene Materiearten enthalten oder nur extrem kurze Lebenszeiten haben. So kommt es, dass man außer den beiden Arten von Quarks – den bisher kleinsten bekannten Materiebausteinen – die sich in Protonen tummeln, nämlich den up- und down-Quarks, auch die charm-, strange-, bottom- und top-Quarks und jede Menge Kombinationen von ihnen gefunden hat und untersuchen konnte.

Luftbild des Fermilab-Forschungszentrums, große ringförmige Betonstrukturen in einer grünen Landschaft.

Luftbild des Tevatron-Beschleunigers am Fermilab-Forschungszentrum in Illinois, USA. Er erreichte etwa 7% der Kollisionsenergie des LHC am CERN.

Okay, aber warum braucht es immer größere Maschinen, wenn doch aus Proton-Kollisionen offenbar schon alles zu erfahren ist? —Hier kommt ein anderer wohlbekannter Physiker ins Spiel, der für eine frech herausgestreckte Zunge und die wahrscheinlich bestbekannte Formel der Teilchenphysik berühmt ist. Wegen der von ihm postulierten Gleichheit von Energie und Masse können unsere Kollisionen auch Teilchen erzeugen, die viel schwerer als Protonen sind, wenn wir den Protonen nur genug Energie mitgeben! Das wahrscheinlich gefundene Higgs-Teilchen ist zum Beispiel fast 70 mal schwerer als zwei Protonen zusammen.

Wenn wir also Teilchen mit immer größerer Masse sehen wollen – und das mutmaßliche Higgs ist mit Abstand das schwerste bisher beobachtete Elementarteilchen – dann müssen wir Anlagen bauen, die den Protonen immer größere Energie mitgeben, und das erfordert auch immer größere Maschinen.
Update: Die durchgestrichene Behauptung stimmt gar nicht, da habe ich mich beim Nachschauen vertan. Das top-Quark ist etwa 35% schwerer als das Higgs und das nächstleichtere Teilchen, das Z0-Boson, hat etwa 66% der Higgs-Masse.

Na gut, na gut. Jetzt haben wir also Kollisionen, bei denen jede Menge Kram entsteht. Aber wie findet man da etwas Neues, und was sollen diese sigma? —Ganz einfach: Man vergleicht das, was man erwarten würde mit dem, was man tatsächlich sieht. Sieht man etwas Unerwartetes, hat man etwas Neues entdeckt. Gehen wir zur Veranschaulichung mal zurück zum LKW-Motor:

Angenommen, es kommt ein Theoretiker daher und postuliert: In dem LKW-Motor sind Maiskörner eingeschweißt. Das wollen wir überprüfen! Er sagt, wir haben sie bis jetzt nicht gefunden, weil sie bei unseren geringen Aufprallenergien nicht austreten. Bei zu großen Aufprallenergien würden sie aber verbrennen. Also probieren wir verschiedene Energien aus, bis wir irgendwann am Ort der Kollision Popcorn entdecken. Aha! Popcorn kann nur aus Maiskörnern entstanden sein. Wenn wir dieses Ergebnis zuverlässig immer wieder mit der gleichen Energie produzieren können, hatte der Theoretiker wohl recht.

Im echten Leben ist das etwas komplizierter, aber man kann sich sogar eine echte Grafik aus einer Veröffentlichung der CMS-Kollaboration mit diesen Begriffen erklären:

Entdeckung des Ξ*b0-Teilchens durch das CMS-Experiment am CERN.

Von links nach rechts wird die Energie der Kollisionen aufgetragen – je weiter rechts, desto schneller der LKW. Die schwarzen Punkte sind die Messpunkte – praktisch eine Zählung von Kollisionsereignissen mit dem gesuchten Ergebnis: je weiter oben, desto häufiger kam Popcorn raus.

Die rote Linie zeigt nun die Ereignishäufigkeit, die man erwarten würde, wenn die Theorie nicht zuträfe – also ein Motor ohne Maiskörner. Tatsächlich sieht man aber bei einer bestimmten Energie plötzlich eine Häufung von Ereignissen anhand der schwarzen Punkte, die nach oben wandern – es taucht reichlich Popcorn auf! Die blaue Linie könnte dann eine neue Erklärung sein – quasi ein Motor-Modell, das die Maiskörner mit einbezieht und das Auftreten von Popcorn korrekt voraussagt. So einen „Buckel“ in der Verteilung der schwarzen Punkte nennen Physiker peak, und jeder Teilchenphysiker träumt davon, einen eigenen Peak zu entdecken.

Eine Schüssel Popcorn

Mögen mir meine Professoren diese Analogien verzeihen! Foto: cyclonebill auf Flickr

Okay, wir haben’s fast – was bedeutet jetzt sigma (griechischer Buchstabe σ)? Nun, manchmal verzählen sich auch Teilchenhysiker, oder der Zufall spielt ihnen einen Streich – so wie man manchmal fünf Einsen hintereinander würfelt und sich denkt, der Würfel müsste gezinkt sein, ohne dass das tatsächlich der Fall ist. Um das auszuschließen, analysieren die Physiker ihre Instrumente sehr gründlich und rechnen aus, was für Abweichungen (auch „Fehler“ genannt) ihre Maschinen und Zählweisen so verursachen können. In dem Graphen des CMS-Experiments oben sind das übrigens die schmalen Balken an den schwarzen Punkten, auch „Fehlerbalken“ genannt.

Je weiter die vermeintliche Entdeckung dann vom Ausmaß dieser Fehler entfernt ist, desto bedeutender – signifikanter sagt der Physiker – ist sie. Irgendwann, bei einer großen Abweichung von ein paar σ sind sich dann alle einig, wirklich etwas entdeckt zu haben, und nicht einem statistischen Fehler aufgesessen zu sein:

Abweichung von der Erwartung (entspricht Höhe des Peaks) Wahrscheinlichkeit, dass es sich nicht um einen statistischen Irrtum handelt
68,269%
95,450%
99,730%
99,994%
4,5σ 99,999321%
99,999943%

Update: Ein Physiker-Kollege weist mich darauf hin, dass ich das so einfach nicht sagen kann, und er hat recht. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Fehler handelt, kann unmöglich für einen einzelnen Peak angegeben werden, sonst wäre in einem Datensatz mit 20 Peaks mit 2σ-Signifikanz nur einer ein Fehler. Das sieht in der Praxis aber ganz anders aus, 2σ-Ereignisse tauchen ständig auf und verschwinden wieder. Richtiger ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass an einer gewissen Stelle zufällig ein Peak entsteht genau wie wir ihn sehen, ist 1 minus den Wert nach der Tabelle oben – für ein 2σ-Ereignis also 4,55%, für ein 4σ-Ereignis 0,006% und so weiter.

Die magische Grenze in der Teilchenphysiker-Gemeinschaft sind – mit Recht, wie man sieht – 5σ. Wer etwas mit 5σ Signifikanz beobachtet, der kann eine Entdeckung geltend machen. Darunter kann man auch oft recht sicher sein, aber es hat auch schon Veröffentlichungen gegeben, die sich mit 3σ in die Nesseln gesetzt haben und deren Ergebnisse nicht bestätigt werden konnten. Deshalb sind alle Physiker sehr vorsichtig mit Ergebnissen unter 5σ.

Letzten Herbst waren die beiden Experimente CMS und ATLAS am CERN – die zwar beide den LHC-Beschleuniger benutzen, aber völlig voneinander unabhängige Maschinen Kilometer voneinander entfernt sind – mit etwa 2–3σ dabei, bei der gleichen Energie ein Teilchen wie das Higgs gesehen zu haben. Das ist ein guter Hinweis, aber eben nicht gut genug.

Heute nun haben beide Experimente – je nach Zählweise – Ergebnisse von 4,9–5σ präsentiert. Das wichtigste ist, dass sie sich dabei nicht auf eine einzige Art der Higgs-Erkennung stützen, sondern verschiedene „Kanäle“ nutzen: Sie achten bei den LKW-Kollisionen nicht nur auf Popcorn, sondern auch auf Pfefferminztee und Himbeermarmelade, die alle mit ihrer eigenen theoretischen Erklärung auf das Higgs-Boson zurückzuführen sind (auf das Higgs bezogen spricht man zum Beispiel vom gamma-gamma-Kanal oder dem 4-Lepton-Kanal). All diese Analysen der verschiedenen Kanäle zusammengenommen ergeben dann eine Signifikanz, die die heiß ersehnten 5σ erreicht – ganz zu schweigen von der Kombination der Ergebnisse beider Experimente in einen einzigen Datensatz, die heute noch nicht präsentiert wurde.

Alles in allem sind die Teilchenphysiker, Ingenieure und Theoretiker enorm glücklich und stolz auf diese Ergebnisse und die Performance des LHC und der Experimente CMS und ATLAS. Nicht nur am CERN, wie hier im Bild, haben deshalb heute viele Männer und Frauen diese Entdeckung ausgelassen gefeiert, und auch ich freue mich riesig für sie.

Ein Hörsaal voller stehen applaudierender Menschen.

Standing Ovations für CMS und ATLAS am CERN heute morgen. Foto: CERN

In einem schlecht beleuchteten, gedrungenen Raum sitzen Menschen zu einem Podium gerichtet an Tischen, auf denen sie Computer und Unterlagen vor sich haben. Säulen durchteilen den Raum und verschlechtern die Sicht.

Das Ambiente einer Tiefgarage, der Charme eines Zivilschutzbunkers: Sitzungssaal der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte
(Bild: CC-BY-NC Frank Nocke)

… so oder so ähnlich sollte ein langer Artikel heißen, den ich schon seit Ewigkeiten über meinen Eindruck von den Umgangsformen in der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte vorhabe zu schreiben. Ich hätte zu dem Thema einiges zu sagen, aber es in einen kongruenten, interessanten Text zu gießen fehlt mir meist die Konzentration und das „Feuer“.

In dieser Hinsicht wurde mir in der heutigen BV-Sitzung gewissermaßen ein Gefallen getan. Ich habe mich so aufgeregt, dass ich in einem spontanen Rant auf Twitter das meiste zum Thema kurz und bündig gesagt habe. Deshalb will ich diesen Rant hier einfach wiedergeben, als überraschend umfassende Momentaufnahme.

Um einen berechtigten Einwand vorweg zu nehmen: Natürlich sind längst nicht alle Mitglieder der SPD-Fraktion so drauf, wie ich es hier beschreibe. Ich arbeite mit manchen SPD-Abgeordneten auch gern zusammen, aber niemand der eine Sitzung der BV besucht wird leugnen können, dass das Bild der SPD-Fraktion als Ganzes von genau dem geprägt ist, was ich beschreibe. Auch zeigen mir die Reaktionen und Kommentare auf Twitter, dass ich keinesfalls der einzige bin, der in der Kommunalpolitik solche Erfahrungen macht.

Ein Foto des Denkmals für das 76. Hamburger Infanterieregiment, ein sehr großer Betonquader mit den Reliefs von marschierenden Soldaten ringsum, auf einer Wiese stehend.Am 12. Mai 2012, dem Samstag nach dem Tag der Befreiung und knapp 75 Jahre nach der Zerstöung der baskischen Stadt Guernica durch die Luftwaffe des deutschen Reiches fand am „Kriegsklotz“, dem 1934 errichteten Denkmal für eine in Hamburg stationierte Militäreinheit des deutsch-französischen und des ersten Weltkriegs, die 4. Klotzparty (zuvor: Friedensfest am Kriegsklotz) statt.

[Update! Der Bericht des Bündnisses von der Veranstaltung ist nun auch hier online, mit Fotos u.A. von meiner Wenigkeit, aber vor allem von Uwe Storjohann, dem Zeitzeugen Jahrgang 1925, von dem ich unten erzähle.]

Das Bündnis für ein Hamburger Deserteursdenkmal hatte diesmal auch Vertreter der Bezirkspolitik eingeladen, da es den Wunsch gibt, den Kriegsklotz selbst zu einem Deserteursdenkmal umzugestalten, und dieser Standort zum Bezirk Hamburg-Mitte gehört. Mein Eindruck von den anderen Redebeiträgen war, dass jeder die Einrichtung eines solchen Denkmals befürwortet, dass aber die Fragen der Finanzierung und ob dafür nun wirklich der Kriegsklotz herhalten soll, als sehr heikle Fragen angesehen und gemieden werden.

Nach meinem Redebeitrag sprach ein Zeitzeuge, ein überaus aufgeweckter Herr, Jahrgang 1925, und erzählte von dem, was er mit dem Kriegsklotz verbindet. Er beschrieb die Szene der Swings im Hamburg der Nazizeit, eine wilde Jugendbewegung, die sich im Faschismus heimlich traf, um Swing-Musik aus den USA zu hören und zu tanzen, und die der streng disziplinierten Gesellschaft so ihren Widerstand abtrotzten. Er erzählte die Geschichte einer jungen Zeichnerin, die auch zu den Swings gehört hatte, und die einst ein Bild des Kriegsklotzes gemalt hatte, wobei statt der marschierenden Soldaten swingende Jugendliche die Seiten des Betonquaders zierten.

Er beschrieb dann, wie er 1945 von der Wehrmacht desertiert und nur knapp der Exekution durch die SS entgangen war. Nachdem er sich bis zum Kriegsende in Hamburg am 3. Mai versteckt hatte, hörte er am 4. Mai beim jetzt unter britischer Regie sendenden Radio Hamburg nach einer Reihe von Verordnungen amerikanische Swing-Musik und beschrieb diesen Tag als einen der schönsten seines Lebens.

Sein Wunsch sei es, dass auch um den Kriegsklotz, der dann ein Mahnmal für die ermordeten Deserteure sein solle, irgendwann Jugendliche tanzen sollten, „ob nun Swing oder Hip-Hop, ganz egal.“ Und er sagte, angesichts der Tatsache, dass nun doch wieder deutsche Soldaten krieg führten, was lange als völligunvorstellbar galt: „Wenn ich aber Leute wie den jungen Piraten eben reden höre, dann habe ich wieder Freude und es wird mir wieder Mut, auch dass es doch noch etwas werden kann mit dem Frieden.“

Ich muss wohl kaum dazusagen, dass ich in diesem Augenblick 3 Zentimeter größer wurde. Hier nun mein Redebeitrag:


Ich habe mich gefragt, was ich als Pirat, und vor allem in meinem Alter, Sinnvolles zum Thema Krieg und Frieden beitragen könnte. Ich möchte deshalb meine ganz persönliche Wahrnehmung und Perspektive beschreiben, weil sie eben von der jungen Geschichte geprägt ist, und ich möchte daran aufzeigen, warum ich ein Deserteursdenkmal befürworte, und zwar auch hier.

Als ich gerade an der Grenze war, die Nachrichten schon wahrzunehmen, begannen die NATO-Luftangriffe auf Jugoslawien, das war 1999. Damals habe ich nicht im Ansatz verstanden – ich war 12 Jahre alt – warum gekämpft wird, aber mir wurde eindringlich zu verstehen gegeben, dass ich etwas damit zu tun habe, dass wir – in Anführungszeichen – dort in einen Krieg verwickelt sind, was völlig außergewöhnlich ist. Ich war in heller Aufregung, ohne je von den Akteuren gehört zu haben.

Nach dem 11. September entsprachen meine Empfindungen und Gedanken weitgehend der Mehrheit der Gesellschaft – Unglauben, Betroffenheit, die Gewissheit irgendeiner bevorstehenden kriegerischen Auseinandersetzung, mit wem auch immer.  Gerhard Schröders „uneingeschränkte Solidarität“ wusste ich noch nicht zu hinterfragen, selbst die gefälschten Bilder angeblich jubelnder Menschen in Palästina auf CNN habe ich geschluckt.

Als dann 2003 der Irakkrieg bevorstand, habe ich ihn abgelehnt, wiederum wie auch die Mehrheit der Gesellschaft. Ich habe es damals zum Entsetzen meiner erzkonservativen, kaisertreuen Klassenlehrerin gewagt, statt am Unterricht an der ersten großen Schülerdemo meiner Kleinstadt teilzunehmen, und kurz darauf stand ich in Berlin unter einer halben Million Menschen mit dem gleichen Anliegen.

Und doch ist über dieses Jahrzehnt nach 2001 eine Militarisierung der deutschen Gesellschaft zu beobachten. Den Wehrdienst konnte ich vermeiden, und hatte somit nie eine Kriegswaffe in der Hand – oder doch! Irgendwann als Kind, bei einem Tag der offenen Tür in irgendeiner Kaserne. Ich habe eine skurrile, unwirkliche Erinnerung vom Mitfahren in einem Panzer und Hantieren mit schweren Waffen, die ich nicht einmal mehr datieren kann (ich muss zur ihrer Ehrenrettung meiner Eltern sagen, dass sie mich nicht dort hingebracht haben, sondern irgendein Jugendausflug). Bei den Protesten gegen den G8-Gipfel im Jahr 2007 wurden Demonstranten von Spähpanzern beobachtet – das wurde Amtshilfe genannt – und nicht zuletzt wurde ich dort von der Bundeswehr dabei fotografiert, wie ich morgens mit einem Kaffeebecher vor meinem Zwei-Mann-Zelt stehe. Für diese Bilder von mir, und gleichzeitig tausenden anderen im Protestcamp in Reddelich, sind Tornado-Kampfflugzeuge nicht mehr als 100 Meter über uns weggedonnert.

Bei großen Festen stehen manchmal wie selbstverständlich auch Panzer herum, auf der CeBit können 14-Jährige am Stand der Bundeswehr Ballerspiele zocken, in strukturschwachen Landkreisen stellt die Bundeswehr Busse mit Rekrutierungsexperten auf die Marktplätze. Ganz zu schweigen von den „Kontaktoffizieren,“ die gezielt in Schulklassen geschickt werden, und denen kein Mensch bei Verstand abkaufen kann, sie würden bloß objektiv und neutral über die sogenannte „Sicherheitspolitik aufklären“. Gerade in diesem Augenblick liegen Kriegsschiffe zum Bewundern und Betreten hier im Hafen, während drumherum Volksfest ist.

Ich bin 2009, mit 22 Jahren, nach Bosnien gefahren, weil mich der Gedanke nicht losgelassen hat, die Geschichte dieses Bürgerkriegs anfassen zu könnnen, der vor meiner Haustür passiert ist, und den ich als Grundschüler nie wirklich wahrgenommen hatte. Ich bin nach Srebrenica gefahren, genauer nach Potočari, zur Gedenkstätte und dem Friedhof für über 8.000 Menschen. Ein Überlebender und Augenzeuge hat mir das Gelände gezeigt, auf dem die Blauhelme stationiert waren, und berichtet, wie sie das Massaker nicht verhindert haben. Einzusehen, dass auch die „guten“ Armeen so grauenhaft versagen können, die „Peacekeepers“, die wir in Krisengebiete schicken, das war hart. Was in Srebrenica schiefging, wer wann anders hätte handeln müssen: darauf habe ich immer noch keine schlüssige Antwort. Wahrscheinlich hat niemand eine, aber es hat mich Demut gelehrt im Hinblick auf unsere vermeintliche Fähigkeit, mit Soldaten den Frieden zu exportieren.

Auf meinen vielen weiteren Reisen durch Osteuropa habe ich immer wieder viel und gern mit anderen, meist Altersgenossen, über die Geschichte Europas und insbesondere Deutschlands geredet. Ich erkenne dabei, dass ich zwar keine persönliche Schuld, aber doch eine große Verantwortung empfinde. Ich bin in der heutigen deutschen Gesellschaft aufgewachsen, und mir sind ausgezeichnete Voraussetzungen gegeben, aus der Geschichte zu lernen und Muster von Ausgrenzung und Hass zu erkennen, um sie zu bekämpfen.

Oft wurde mir gegenüber die Art, wie in der deutschen Gesellschaft mit der Geschichte umgegangen wird, gelobt. Ich finde, es gibt große Lücken in der Aufarbeitung, aber ich finde auch das Mahnen und Gedenken richtig. Wir brauchen mehr Reflektion, mehr Beschäftigung mit dem, was es aus der Geschichte zu lernen gibt. Dabei bringt uns der Kriegsklotz nicht weiter – ein Deserteursdenkmal hier bringt uns aber weiter!

Vor nicht viel mehr als einem Jahr habe ich mich gefragt, wie „weit runter“ es eigentlich in Deutschland gewählte parlamentarische (oder parlamentsähnliche) Vertretungen gibt.

Inwzischen habe ich kommunalpiraten.de aufgebaut und in dieser Hinsicht viel gelernt. Besonders aufschlussreich ist das Studium von „Gemeindeverfassungen“ (tatsächlich heißen diese eher „Gemeindeordnung“, „Kommunalverfassungsgesetz“ oder so ähnlich).

Aber an Beispielen lernt man ja doch am besten. Heute, als ich neue Mandate eingetragen habe, bin ich über einen besonders faszinierenden Fall gestolpert.

Da gibt es nämlich in Brandenburg (1,5 Mio. Einwohner) den Landkreis Märkisch-Oderland (190.502 Einwohner), in dem unter acht Städten und 37 Gemeinden auch die Gemeinde Neuhardenberg (2.672 Einwohner) liegt, die sich in die Hauptgemeinde und drei Ortsteile aufteilt. Ein Ortsteil davon ist Quappendorf (83 Einwohner).

Quappendorf hat einen Ortsbeirat! 5 gewählte Vertreter behandeln die lokalen Belange. Die Zusammensetzung des Ortsbeirats Quappendorf ist bemerkenswert:

  • Wählergemeinschaft Frewillige Feuerwehr: 4 Sitze
  • SPD: 1 Sitz

Und als wäre das alles nicht schon bemerkenswert genug, ist der SPD-Vertreter nun auch noch Pirat geworden! :D

PS: Der SPIEGEL hat 1993 einen Artikel mit dem Titel „Liste Feuerwehr“ veröffentlicht, der den Mangel an Kandidaten für Kommunalwahlen in den damals neuen Bundesländern beschreibt. Und dann gibt es da noch – sehr lesenswert! –  „Die kleinen Parlamente“ von Kurt Tucholsky.

PPS: Ich will mich nicht pauschal über die Arbeit von Kommunalpolitikern lustig machen! Natürlich klingt das alles schon lustig, aber ich weiß aus erster Hand, wie hart Kommunalpolitik ist. Und wenn jemand dabei ernsthaft und ehrlich zum Wohl aller Leute arbeitet – so selten das leider ist – dann verdient er oder sie auch großen Respekt.

Ich sag’s mal vorweg ohne Anmoderation: Wir haben uns in Neumünster die Schiedsgerichts­ordnung zersägt, weil der Parteitag schlecht vorbereitet und unaufmerksam war.

Nein, ich kenne mich nicht mit den juristischen Einzelheiten der Schiedsgerichtsbarkeit aus. Aber das braucht es auch nicht, um die Vorgänge in der ersten Stunde in Neumünster zu bewerten, und zudem teilen kundige Piraten, darunter Bundesschiedsrichter, meine Einschätzung.

Die Vorgeschichte: Als einer der ersten TOPs nach Eröffnung des BPT 12.1 standen die Anträge S012 und S028 zur Abstimmung. [Update: Zahlendreher berichtigt]
Bei S028 handelte es sich um ein Update der Schieds­gerichts­ordnung von Markus Gerstel, der als Richter im Bundesschiedsgericht ein Jahr Erfahrung gesammelt und die aus seiner Sicht angebrachten Änderungen übersichtlich zusammengestellt hat.
Bei S012 handelt es sich um einen quasi-Neuschrieb der SGO, zu dem es keine übersichtliche Zusammenfassung der Änderungen gibt, sondern nur eine zweifelhafte, von Meinung geprägte Zusammenfassung des Antragsstellers. Beispiel gefällig? Hier: „[zu §11] Alles weitere in Absatz 7, 10 und 11 sind Klarstellungen, die man einfach nur lesen und anwenden muss. Aber diese Regelung schaffen nur Klarheit.“ Ach so. Na dann.
Beim Vorbereitungstreffen mit Antragsbesprechung im LV Hamburg waren wir eindeutig gegen den S012 und für den S028, vor allem wegen der Vertrauenswürdigkeit der Antragssteller und der Präsentation und Verständlichkeit der Anträge.

Was dann geschah: Als aber der BPT begann, lag der Grad der Vorbereitung und Konzentration in der Versammlung bei nahezu null. Für S012 gab es viele laute Redebeiträge, hauptsächlich von Seiten der Antragsteller und ihrer Kumpels. Markus Gerstel war eher leise und ging in der Flut von gerufenen Totschlagargumenten à la „Alles andere als Antrag S012 wäre gesetzwidrig!“ unter.

Das wäre an sich ja noch keine gefährliche Situation, wären die Mitglieder vorbereitet gewesen. Ein Vergleich der Anträge und die Meinung von Piraten mit Ahnung hätten gereicht, um mindestens den S012 zu verhindern. Leider bewegte sich die Aufmerksamkeit in der Versammlung auf dem Niveau: „Kannst Du mal das Kabel da ziehen? Wo isn meine Mate?  Hey, guck mal, da ist Afelia! –– Hä, Abstimmung? Wasn los, was stimmen wir da ab? Naja egal, die sagen alle ja …“

Foto eines dicken Buches, der ZivilprozessordnungAuch kurz danach, als noch von dem Antrag abhängige Module abgestimmt werden, merkte kaum jemand auf – dabei hätte spätestens dort jedem klar werden müssen, dass etwas ganz furchtbar schief läuft. Der Antragsteller sagte (Timestamp 2012-04-28 11:49:11 im vorläufigen Wortprotokoll):

„Die Zivilprozessordnung sollanalog herangezogen werden, und zwar in allen Fragen, die wir nicht in unserer Satzung regeln.“

Die Zivilprozessordnung! What could possibly go wrong?! Habt ihr mal eine Zivilprozessordnung gesehen? Ich habe uns mal ein Symbolbild mitgebracht (s. rechts).

Ist das vielleicht gar nicht so schlimm, bekommen erfahrene Schiedsrichter das hin? –– Pustekuchen. Nicht nur sagte mir ein IMHO fähiger Pirat und erfahrener Schiedsrichter, dass diese SGO eine Katastrophe sei, und seine erneute Kandidatur auf der Kippe stünde. Zudem twitterte Markus Gerstel:

Hehe. Keine andere Partei ist so dämlich sich die ZPO ans Bein zu nageln. m)

Aber hey, vielleicht kann der Antragsteller das ja gut begründen. Was sagt denn der Antragsteller dazu? (Quelle: Antragsportal, ziemlich weit unten in der Begründung, Abschnitt „Modulantrag 1“)

„Gegen diese Regelung wurde von Laien eingewandt, dass man keine „Monster“-ZPO haben wolle, die man ohnehin nicht verstünde und nicht anwenden könne. Diese Mei-nung verkennt aber, dass auch der Laienschiedsrichter ein gewisses Minimum an Bereitschaft aufbringen muss, Rechtsvorgänge einzuordnen, sich ggf. Rat einzuholen, um so zu einem fairen und transparenten Verfahren zu gelangen. Es geht nicht an, dass hier alle Landesschiedsgerichte völlig losgelöst von allgemeinverbindlichen Regeln nach ihrem gesunden ‚Bauchgefühl‘ urteilen.“

Herzallerliebst, oder?

Damit sowas nicht ständig wieder passiert, müssen sich die Leute auf den BPT vorbereiten und sich bewusst sein, dass ab der ersten Minute gewichtige Entscheidungen getroffen werden. Dann hätten wir sicherlich auch nicht in Offenbach das Bundestags-Wahlprogramm über den Haufen geworfen, dessen Kernthemen-Anträge wir bis Mitte 2013 nun extra nochmal abstimmen müssen.

Zum Abschluss ein Protipp: Wer keine Zeit hat, sich die wichtigen Anträge, oder auch nur die nach Tagesordnung aussichtsreichen anzuschauen, der sollte sich im Vorfeld Empfehlungen über Zustimmung und Ablehnung von für ihn vertrauenswürdigen Piraten einholen und auf dem BPT parat haben. Planlosigkeit kills Basisdemokratie!


Nachtrag (September 2012): Möglicherweise wird alles gut: @DanielaKayB kümmert sich um eine Korrektur dieses Schlamassels:

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