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Archiv für den Monat November 2012

Es ist 02:57 Uhr, ich kann nicht schlafen, und ich gelange mehr und mehr zu der Überzeugung, dass Gesellschaft mindestens zum Teil daran schuld ist.

Ich frage mich seit einer Weile, ob es legitimerweise so sein kann, dass der Lebensrhythmus einiger Menschen um mehrere Stunden gegen den Rhythmus verschoben ist, nach dem die Gesellschaft lebt – denn wenn dem so ist, dann gehöre ich dazu. Für mich fing es damit an, dass ich auf dem 28C3 in Berlin erlebt habe, wie die Vorträge mittags begonnen haben, bis 1 oder 2 Uhr morgens gingen und die Leute sich bis 4 oder 5 Uhr vergnügt und ausgetauscht haben – und es fühlte sich richtig an.

Aus der Sicht einer großen Mehrheit der Bevölkerung ist die Sache ganz klar: Alle müssen zur Arbeit, und die Arbeit fängt um 8 Uhr an. Wer nicht gerade Student (per definitionem faul) oder Schichtarbeiter ist, dessen Wecker hat zu klingeln solange eine „07“ vorne steht, sonst steht er im Verdacht, die Gesellschaft mutwillig durch Nichtteilnahme zu verhöhnen.

Wie passt es aber in dieses Bild, dass einige Menschen zwischen Mitternacht und Morgengrauen besonders produktiv sein können, und es auch gern sind? Gestern habe ich von 0 bis 2 Uhr wichtige Unterlagen sortiert, geistreiche Emails mit den besten Gedankengängen schlagen gern um diese Zeit auf, die Liebesbriefe meiner Schulzeit sind nachts entstanden, Admins bauen die tollsten Systeme auf wenn ihre Nutzer schlafen.

Das vorherrschende Bild des „Langschläfers“ aber bemisst sich nur daran, wo sich eine Person morgens halb 10 in Deutschland gerade befindet: Beim dritten Kaffee im Büro, oder auf der Maloche, mit den Gedanken schon in der Mittagspause? Bravo, ein guter Bürger. Im Bett? Pfui, welch ein Schmarotzer!

Warum aber dieser Missmut? „Wir müssen nun mal alle früh raus!“, schallt es dem Fragenden wütend entgegen, aber allein das Konzept der „Morgenshow“ im Radio – dieser freiwilligen Lobotomie aus Kalauern und Konservenmusik – zeigt, dass der Großteil der Gesellschaft offenbar selbst nicht viel Gutes daran findet.

Außer natürlich: „Man hat ja sonst nichts vom Tag!“ In der Tat. Das liegt daran, dass selbst Deutsche nur einige Stunden am Tag arbeiten können, und wenn sie gegen 8 Uhr damit anfangen, hören sie eben gegen 18 Uhr damit auf. Dann schließen die Supermärkte, machen die Einzelhändler die Gitter runter, stellen die Büroangestellten ihre Kaffeetasse in die Spüle. Bei Behörden, Bahn, Post und jeder Art Schalterbetrieb sind ab 18 Uhr die Monitore dunkel, Banken machen vorsichtshalber schon um 16 Uhr zu. Es ist mir ernsthaft unbegreiflich, wie es gedacht ist, dass alle zur gleichen Zeit arbeiten, und dennoch Dinge außerhalb ihrer Arbeit geregelt bekommen – schließlich hat dann alles zu! Neulich sagte eine Angestellte der Bahn um kurz vor 18 Uhr genervt und veständnislos zu mir: „Den ganzen Tag ist kommt keiner, und kurz vor Feierabend wollen sie alle was!“ Dass das ihr voller Ernst war, ließ mich sprachlos zurück.

Aber kommen wir zu der Frage zurück: Warum ist das so? Es kann nur daher rühren, dass tagsüber die Sonne scheint. In einer Gesellschaft ohne billige und wirkungsvolle künstliche Lichtquellen ist es notwendig, die natürliche Helligkeit zu nutzen und die Phase der Inaktivität in die Zeit zu legen, in der die Dunkelheit Verrichtungen aller Art erschwert. Fans der Evolutionspsychologie würden jetzt bestimmt erzählen, was Raubtiere und Höhlenmenschen zu welchen Tageszeiten so tun, aber ich finde, man muss gar nicht weiter als einige Jahrhunderte zurückschauen.

Und so ist die Gesellschaft darauf ausgerichtet, mit Sonnenaufgang ihre Verrichtungen zu beginnen und sie mit Sonnenuntergang niederzulegen. Wohlstand und technischer Fortschritt haben es ermöglicht, zwischen Sonnenuntergang und Schlaf noch einige Stunden Unterhaltung, Geselligkeit und Alkoholkonsum zu legen, aber das war’s dann auch.

Warum aber muss die Gesellschaft daran festhalten? Bis auf wenige Ausnahmen können praktisch alle Tätigkeiten heutzutage mit keinem oder geringem Aufwand zu einer beliebigen Tageszeit verrichtet werden. Schwerlasttransporte, Müllabfuhr und Straßenreinigung zeigen dabei, dass es sogar sehr nützlich sein kann, anfallende Arbeiten zeitlich zu verteilen, anstatt dass alle gleichzeitig versuchen, ihren Verrichtungen nachzugehen.

Ich glaube, dass zu einem wesentlichen Teil Vorurteile und festgefahrene Denkmuster eine Lockerung dieser Situation verhindern. Und ich bin damit nicht alleine. @zeitweise, ein prominenter Spieleentwickler, sagte neulich:

Gerwald Claus-Brunner, MdA in Berlin, wurde 2011 für das Ansprechen dieser Thematik im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verhöhnt, und zum Bundesparteitag der Piratenpartei in Bochum wurde ein ernst gemeinter Antrag in dieser Sache eingereicht.

Und ich sitze um 03:57 aufrecht im Bett und schreibe seit einer Stunde diesen Text. Morgen früh … ja, morgen früh, denn morgen ist nach dem Schlafen. „Du meinst wohl gestern, hihi!“ ist für Andersschläfer so lustig wie „Du isst ja meinem Essen das Essen weg!“ für Vegetarier.

Morgen früh jedenfalls werde ich wieder übermüdet sein und mindestens bis Nachmittags kaum etwas geschafft kriegen. Ab dem frühen Abend kann ich gut arbeiten, und vielleicht sitze ich wieder nachts wach, meine Freundin friedlich neben mir schlafend, und tue etwas Nützliches.

Wer aber nicht mit dem mitfühlen kann, was ich beschreibe, der wird mich womöglich an dieser Stelle im Text wieder einen „Langschläfer“ heißen, mir raten mich zusammenzureißen, mir Respektlosigkeit gegenüber vielen hart arbeitenden Menschen vorhalten. Das liegt mir fern! Ich frage mich lediglich, warum wir nicht die Gesellschaft flexibilisieren können, wenn es keine Nachteile bringt und einigen Menschen mehr Teilhabe ermöglicht.

Gewerkschaften und Kirchen sehen das zwar ganz anders – aber eine ernsthafte Diskussion darüber wurde noch nie geführt, weil es in der Gesellschaft noch nicht akzeptiert ist, dass es Andersschläfer gibt, die nicht faul, rücksichtslos oder krank sind, sondern eben einfach – anders.


Neuigkeiten vom Kampf gegen die chrononormative Frühaufsteherdiktatur twittern übrigens auf amüsante Weise und zu vernünftigen Uhrzeiten die Nachtaktiven Piraten.

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Durch einen Tweet von @erdgeist bin ich neulich auf einen brillianten amerikanischen Komiker gekommen, der in den 50er und 60er Jahren durch politische Themen und scharfen Zynismus in seinen selbst geschriebenen Liedern Berühmtheit erlangte: Tom Lehrer (heute 84 Jahre).

Von ihm stammt auch das Lied „Wernher von Braun“, benannt nach dem deutschen Raketenforscher, der als Weltraum-Enthusiast aufwuchs, später für die Nazis die als „V2“ bekannte Raketenwaffe entwickelte und nach dem Krieg für die USA die Saturn V-Rakete konstruierte, mit der der NASA die Mondlandung gelang.

Das Lied hat mir so gut gefallen, dass ich zwei deutsche Übersetzungen angefertigt habe und hier bereitstellen möchte: Eine wortgetreue und eine lyrische Übersetzung. Den Liedtext im englischen Original gibt es hier nachzulesen.

Einleitung: Wo wir gerade bei Bomben sind: Was macht Amerika zur weltgrößten Atommacht? Und was ist es, das es uns ermöglichen wird, zwanzigtausend Millionen Dollar an Steuergeldern auszugeben, um irgendeinen Deppen auf den Mond zu bringen? Nun, es war natürlich die große, enorme Überlegenheit amerikanischer Technologie, aufgeboten von unseren großen amerikanischen Wissenschaftlern, wie etwa Dr. (betont deutsch ausgesprochen:) Wernherr von Braun.

Lied (Lyrische Übersetzung):
Setzt Euch hin, ich erzähl‘ Euch von Wernher von Braun,
der sich gut überlegt, auf wessen Seite er steht.
Schimpft man ihn einen Nazi, dann kratzt ihn das kaum:
„Nazi-Popazi!“, sagt Wernher von Braun.

Sag nicht, er sei unaufrichtig,
Politik ist für ihn nicht so wichtig.
„Ich will dass sie fliegen, nicht auf die Landung schauen –
da bin ich nicht zuständig!“, sagt Herr von Braun.

Manch einer sagt, es sei ihm nicht zu trauen,
doch für andere ist klar, wir sind besser dankbar:
Invalide in London und verwitwete Frauen
mit stattlichen Renten dank Wernher von Braun.

Auch Du kannst zum Held Dich erheben,
wenn Du lernst rückwärts zu zählen.
„Auf Deutsch or in English kann ich schon den Countdown.
Und ich lerne Chinesisch,“ sagt Wernher von Braun.


Lied (Wortgetreue Übersetzung):
Sammelt Euch zusammen, während ich Euch ein Lied singe von Wernher von Braun,
einem Mann, dessen Loyalität von Berechnung geprägt ist.
Nenn‘ ihn einen Nazi, er wird nicht einmal die Stirn runzeln:
„Nazi-Popazi!“, sagt Wernher von Braun.

Sag‘ nicht, er sei heuchlerisch,
sag‘ lieber, er sei unpolitisch.
(mit deutschem Akzent gesprochen:)
„Wenn die Raketen erstmal oben sind, wen interessiert’s wo sie runterkommen –
Das ist nicht meine Abteilung“, sagt Wernher von Braun.

Manche haben harte Worte für diesen bekannten Mann,
aber manche sagen unsere Einstellung sollte eine von Dankbarkeit sein,
wie die Witwen und Invaliden (wörtlich: Krüppel) in der Londoner Altstadt
die ihre hohen Renten Wernher von Braun verdanken.

Auch Du kannst ein großer Held sein,
sobald Du gelernt hast, rückwarts bis Null zu zählen.
„Auf Deutsch, oder Englisch („oder Englisch“ auf Deutsch gesprochen) kann ich rückwärts zählen.
Und ich lerne Chinesisch,“ sagt Wernher von Braun.


Tom Lehrer war lange Lehrer für Mathematik (aber sein Name kein Künstlername!). Zu seinen bekanntesten Werken zählt das Lied „The Elements“, eine simple Aufzählung der seinerzeit bekannten chemischen Elemente (auch mit einer animierten Version des Periodensystems zu sehen).

Auf der politischen Seite hat er auch den damals gefühlt bevorstehenden globalen Atomkrieg verarbeitet, zum Beispiel mit seinem Lied „We Will All Go Together When We Go“.

Es lohnt sich also in vielerlei Hinsicht, Tom Lehrers Werk zu durchstöbern!