Kissenschlacht vs. Seriöslichkeit: Politik im Gefahrengebiet

Nach der gestrigen Nacht des 10. Januar im Gefahrengebiet, von der ich voraussichtlich noch meinen gelangweilt aber höflich zuhörenden Enkeln erzählen werde, sah ich auf Twitter die Einschätzung des Kollegen Jan Penz auf Twitter, der erklärte:

Gefahrengebiet ist Mist, aber Kissenschlachten u. ä. ist Kindergarten. Besser sachlich seriöse Argumente.

Mich ärgert das sehr, und ich muss vehement widersprechen. Da meine Meinung nicht auf Twitter passt, ist dieser Text entstanden.

Was war los?

Nach Monaten politischer Unruhe um Lampedusa in Hamburg, der Zwangsräumung der Esso-Häuser und der politisch gewollten Gewalteskalation am 21.12.2013 hat die Polizei am 4. Januar die Sternschanze, St. Pauli und halb Altona mit einer bürgerrechtsreduzierten Zone namens „Gefahrengebiet“ überzogen. Als Begründung gab die Polizei einen Angriff auf die Davidwache auf der Reeperbahn an – ein Ereignis, dessen Hergang sie offenbar eher kreativ ausgelegt hat.

Das Gefahrengebiet erregte überregionale Aufmerksamkeit, es kam jeden Abend zu Protesten, die mal mehr und mal weniger in Gewalt ausarteten. Kritische Stimmen in der Presse, politischer Druck in der Bürgerschaft und nicht nachlassender Widerstand auf der Straße führten vielleicht dazu, dass die Polizei am 9. Januar mit einem kläglichen Pseudo-Rückzieher versuchte, Druck vom Kessel zu nehmen.

Kissenschlacht

Zum Abend des 10. Januar wurde zu einer Kissenschlacht auf dem Spielbudenplatz aufgerufen. Ich hatte im Vorfeld meine Zweifel am Nutzen so einer Aktion, aber rückblickend war es das mit Abstand Beste, was in diesem verkorksten Ausnahmezustand passieren konnte.

Mit dabei war natürlich die Klobürste, das Symbol des Widerstands gegen das Gefahrengebiet. Die Geschichte, wie es zur Klobürste kam ist ein Symbol für das, was den tobenden Innensenator und die aufgestachelte Polizei mit ihrem gefährlichen Gefahrengebiet ins Mark trifft: der Staatsgewalt zu zeigen, dass sie sich lächerlich macht.

Nach der Kissenschlacht am 10. Januar waberte um den Paulinenplatz im Gefahrengebiet Musik aller Art, Tausende junger Leute standen vergnügt und ausgelassen herum, vereinzelt wurden Lagerfeuer aus weggeworfenen Tannenbäumen in der Mitte der Straße angelegt. Leute verglichen ihre stolz getragenen Klobürsten, manche mit LEDs, andere mit Luftballons und Bändchen; vereinzelt wurden auch themenverwandte Seitensprünge wie Pümpel oder Zahnbürste präsentiert.

Immer mal wieder zogen Spontandemos hierhin und dorthin, vor der Davidwache gab es dank korrekter Nachbarn eine punkig-aufständische Musikshow mit Tanz und Trommeleinlage. Inhaltlich war freie Auswahl: Bleiberecht, Mietenwahnsinn, „Lügner!“-Sprechchöre gegen die Polizei statt des üblichen „Haut ab!“. Später war die Wohlwillstraße über viele Stunden eine einzige Party mit Elektro-Musik aus offenen Fenstern, tanzenden Klobürstenschwingern und gelegentlichen Lagerfeuern aus eigens vom Straßenrand gesammelten Tannenbäumen. Feiernde Jugendliche vermischt mit Aktivisten, artistische Darbietungen mit blinkenden Hula Hoop-Reifen, tanzende Grüppchen auf der Straße, telefonische Verabredungen à la „Ich bin hinterm Feuer, da wo die Mukke ausm Haus kommt!“, ein vor Polizeiketten tanzender Mensch im Dinosaurier-Kostüm, Klobürsten-Jonglage und ab und zu ein vergnügt-respektvolles „Ey, geile Klobürste!“ von Mensch zu Mensch.

Und alle paar Meter blitzt plötzlich im Gesicht eines sich Umschauenden das hysterische Lachen der Erkenntnis auf: „Alter, was is hier eigentlich los?!“ Friedlicher Protest als Party, scheinbare Anarchie  ohne große Schäden, selbst die Polizei zurückhaltend, deeskalierend, ein bisschen deplatziert wenn sie mal wieder ein Lagerfeuer umringt und dessen Löschung übersieht. Um es mit @Street_Dogg zu sagen: „Das hat sich die SPD bestimmt so nicht vorgestellt!“

Oder doch lieber Seriöslichkeit?

Kommen wir zurück zu dieser Einschätzung:

Gefahrengebiet ist Mist, aber Kissenschlachten u. ä. ist Kindergarten. Besser sachlich seriöse Argumente.

Ich finde, das Gegenteil ist der Fall: Eine Kissenschlacht ist das beste, was in dieser politischen Situation passieren konnte. Spaß ist im Angesicht von Repression ein Aufbegehren, eine Entwaffnung, ein Ausdruck von Selbstsicherheit und Selbstbestimmung. Eine Kissenschlacht ist der Inbegriff eines Kampfes ohne Verletzte, einer Auseinandersetzung ohne bösen Willen und einer entspannten Atmosphäre.

Dem entgegen steht die Aussage des Polizeipressesprechers Mirko Streiber zur Klobürste:

Man kann zwar drüber lächeln, aber ich find das nicht witzig, weil es geht hier auch um Leib und Leben […], und da müsen wir wirklich sachlich bleiben.
(Link zum Video, wahrscheinlich bald wieder depubliziert)

Es geht aber nicht in erster, und nicht mal in zweiter oder dritter Linie um Leib und Leben. Es geht um eine Machtdemonstration, die einschüchtern soll und zu ihrer eigenen Legitimation eine Gefahr heraufbeschwört, die kaum vorhanden ist. Es geht um Menschen, die sich nicht mehr trauen, Küchenmesser oder Sportgeräte in ihrem eigenen Stadtteil zu transportieren, weil sie zufällig dunkle Kleidung haben. Es geht um Personalienkontrollen einer verdächtigen Menschenansammlung – die an einer Bushaltestelle wartet (kein Scherz). Es geht um sensationsgeile Boulevardmedien, die ganze Stadtteile in Verruf bringen, sodass ein verängstigtes Muttchen in Ottensen denken muss, auf der anderen Seite des Altonaer Bahnhofs ginge es zu wie im New York der 80er Jahre.

Doch Spaß und Humor hat eine stocksteife, selbstherrliche Staatsmacht nichts entgegenzusetzen. Eine Klobürste sagt mehr als hundert Steine, und Hunderte Klobürsten bringen uns nicht nur ins Fernsehen, sondern transportieren auch unsere Botschaft und machen den Innensenator nackig. Eine Kissenschlacht mit tausend Menschen ist kein größeres Theater als das Gefahrengebiet, in dem sie stattfindet.

Und die Seriöslichkeit? Die hat uns, mit Verlaub, dorthin gebracht, wo wir gerade sind. Selbsternannte und sogenannte Sozialdemokraten und Christdemokraten argumentieren mit großer Geste und schwerer Miene, manchmal auch mit triefend geheuchelter Empörung oder Schaum vorm Mund, es müsse dringend durchgegriffen werden, Freiräume wären ein Hort der Kriminalität und unüberwachte Kommunikation ein tödliches Risiko. Sie bauen einen Polizeistaat auf, aber verbitten sich den Begriff. Die Opposition hat in weiten Teilen Angst, dauerhaft von der Macht abgeschnitten zu sein und spielt hiemlich mit. Nein, dieser Politik und ihren Auswirkungen kann man noch am besten mit Humor und Ironie begegnen (nicht zuletzt, weil Alarmismus und Schwermut nachweislich nicht funktionieren).

Ein probates Mittel

Freilich sind Tannenbaum-Lagerfeuer mit angeschlossener Elektro-Party auf Kreuzungen kein Modell für jeden Abend im Wohngebiet. Angesichts der geballten Staatsmacht und der Auseinandersetzungen der letzten Wochen sind sie aber besser als das, was die Politik zu provozieren versucht hat, nämlich weitere Gewalt als Rechtfertigung für noch mehr Kontrollen. Und tatsächlich war, aus welchem Grund auch immer, die Polizei am gestrigen Abend weitgehend deeskalierend und zurückhaltend. Meinen Glückwunsch und Dank an die Teile der Polizeiführung, die erkannt haben, dass man Gewalt vorbeugt indem man keine Gewalt ausübt.

Ich habe gestern Tausende junger Menschen erlebt, die friedlich und kreativ gegen die Beschneidung ihrer Bürgerrechte eingetreten sind. Diese Antwort auf Repression voller Ironie und Spaß finde ich toll. Sie macht mir Hoffnung für die Zukunft meiner Generation in dieser Stadt. Wenn das nicht ‚seriös‘ ist: Na und?

6 Kommentare
  1. Danke ! für diesen Kommentar, er spricht mir voll aus der Seele. Schon jetzt, nach knapp 24 Stunden kommen die ersten Stimmen gegen einen freudigen Protest. Einen Protest, der VIELE mitnimmt und bringt. Der Spass macht und mit Witz eine sehr freudlose Gesinnung der Machthaber aushebelt. Es ist leider wieder diese verdammte Deutschtümelei, dass Leben keinen Spaß machen darf. Leistung, sie zählt nur, wenn unter Blood, Sweat and Tears erworben. Und Widerstand ! Die Spanier haben uns den Widerstand gegen Franco vorgemacht! Llouis LLach hat sie mit Musik erreicht. Obwohl Auftrittsverbot und Emmigration, Nicht ER hat gesungen, das Volk es hat seine Lieder gesungen und er hat sie auf der Gitarre begleitet. Warum NICHT mit Freude etwas erreichen? Die eigentlichen Waffen der Macht sind die Worte! Spott, Hohn, Satire. Kommunikation, Wortgewandtheit, Manipulation.. Das sind die eigentlichen Waffen der Machthaber! Die physikalischen Waffen, die überlassen sie ihren Handlangern! Damit machen sie sich nicht die Finger schmutzig! Diese Protestaktion hat mehr Menschen erreicht und geformt, als es Gewalt je könnte. Hier sind Menschen mitgegangen, die sich normalerweise eine Auseinandersetzung mit Muskelprotzen nicht leisten können. Menschen mit Kindern, mit Familien! Und ihr erstickt sie mit eurem Anspruch auf Seriösität! Es ist nicht damit getan 100 Autonome am Tag X auf die Straße zu bringen! Das ist JOJO Straßenkampf! Er kommt und geht wie eine Diät! Was auch hier gebraucht wird, ist Nachhaltigkeit! Die Menschen, die gestern und vorgestern mit euch auf der Straße waren, das sind Multiplikatoren! Das sind die, die mit euch zusammen die Veränderung vorantreiben können! Das sind die, die dann begreifen, dass auch sie etwas tun müssen! Und ihre Kinder? Sie lernen beim mitgehen, dass Stellungnahme wichtig ist! Das werden WÄHLER!

  2. TheGurkenkaiser sagte:

    die Äußerung von Jan penz ist teil einer umfasenderen diskursiven formation die jede art von gegenwehr gegen staatliche gewalt auf irgend eine art als falsch stigmatisiert. Friedlicher Protest ist dann „Kindergarten“ wie in diesem fall. Wer etwas deutlich entgegensetzt ist „Extremist_in“ oder gar „Terrorist_in“. Letztendlich gibt’s in dieser Logik nur die Option „Klappe halten und untertänig sein. Der Staat hat das Gewaltmonopol und das isrt nicht infrage zu stellen.“

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