1&1 bekämpft Adblocker durch Manipulation und Irreführung

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German freemail sites trick Firefox & Chrome users into removing AdBlock

Diese Meldung zeigen GMX und web.de derzeit Nutzern, die AdBlock installiert haben:

web_deEin Klick auf „Weitere Informationen“ führt auf die enorm unseriös wirkende Seite browsersicherheit.info. Dort wird anhand von Screenshots erklärt, wie Nutzer von Firefox und Chrome auf verschiedenen Betriebssystemen vor allem AdBlock in verschiedenen Varianten deinstallieren können. Insbesondere wird diese „schwarze Liste“ angezeigt:

plugins2Im Impressum der Seite bekennt sich die „1&1 Mail & Media GmbH, Zweigniederlassung Karlsruhe“ zur Autorenschaft. In der Tat gehört 1&1 dem deutschen Konzern United Internet, wie auch web.de und GMX.

Diese ganze Nummer ist eine gezielte Manipulation unbedarfter und vertrauensseliger Internetnutzer, um sie dazu zu bringen, Adblocker zu löschen und ungestört Werbeanzeigen verkaufen zu können.

Erstens: Die Meldung erweckt den Eindruck, vom Browser selbst angezeigt zu werden. Eine gelbe Leiste oberhalb der angezeigten Seite assoziieren Nutzer mit Browser-Benachrichtigungen, zumal beispielsweise auf der Seite von GMX die Farbe gelb völlig fremd wirkt. Insofern täuschen GMX und web.de dem Nutzer eine Browser-Meldung vor, die sie selbst erzeugen. Die Meldung hat außerdem einen objektiv-sachlichen Ton und lässt keinen Hinweis darauf zu, bloß eine Empfehlung – einen Wunsch! – der Seitenbetreiber wiederzugeben. Auch insofern werden Browser-eigene Benachrichtigungen in täuschender Absicht nachgeahmt. Die Seite browsersicherheit.info lässt ebenfalls (außer hinter dem gut versteckten „Impressum“-Link) nicht durchblicken, von United Internet erstellt worden zu sein, sondern zitiert noch scheinheilig GMX und web.de als zwei von drei „Pressestimmen“.

Zweitens: Welche Erweiterungen werden auf’s Korn genommen? Angeblich „seitenmanipulierende“ Addons. Das stimmt, AdBlock manipuliert tatsächlich die Seiten, die mir mein Browser anzeigt, nämlich indem die nervige Werbung ausgeblendet wird. Das ist seine Aufgabe. Klingt natürlich trotzdem erstmal böse. Alibihaft werden dann auch noch ein paar echte Adware-Erweiterungen genannt, darunter so obskure, unbekannte Kandidaten wie „JollyWallet Bar“ und „SuperFish“, sowie – oh, the irony! – „getSavin“, welches „falsche Sicherheitshinweise erzeugt“! So denkt der Nutzer: Aha, diese Plugins blenden also ungefragt Werbung ein, und das eine da manipuliert mich sogar – wie böse! Dann werden die „seitenmanipulierenden Addons“ am Anfang der Liste bestimmt genauso böse sein. Ich deinstalliere besser AdBlock – und zack, wird ihm wieder ungebetene Werbung angezeigt, aber diesmal wieder von web.de und GMX.

Drittens: Wem nützt dieser Zirkus? Ganz klar in erster Linie United Internet, deren Anzeigenverkäufe offenbar schwinden, weil mündige Internetnutzer die Werbung ausblenden lassen. Nützt es auch den Surfern? Nun – dass es Sicherheitsprobleme im Bereich von Browserplugins gibt, stimmt durchaus. Aber warum werden von den tausenden „seitenmanipulierenden Addons“ da draußen (neben ein paar Alibi-Kandidaten) ausgerechnet die bekämpft, die:

  1. in Deutschland weit verbreitet sind,
  2. großes Vertrauen genießen, und
  3. United Internet die Werbeeinahmen madig machen?

Was ist mit anderen verbreiteten, seitenmanipulierenden Addons wie NoScript, Ghostery, DownloadHelper, Firebug usw.? Sind die alle von United Internet einzeln getestet worden und machen irgendetwas richtiger als AdBlock, oder sind sie bloß im Kampf um Werbeanzeigen egal?

Fazit: Diese Aktion „zugunsten der Sicherheit“, für die sich United Internet auch noch selbst feiert, ist ein schlecht getarnter Angriff auf die Mündigkeit von Internetnutzern, sich von Anzeigenwerbung zu befreien. Es wird manipulativ vorgegangen und das Vertrauen von Nutzern missbraucht, die sich auf das verlassen, was ihnen (vermeintlich!) ihr Browser empfiehlt. Das ist insofern besonders perfide, als sich erst in den vergangenen Jahren Nutzer daran gewöhnt haben, einfach formulierte Sicherheitshinweise ihrer Browser zu beachten, die meist auch tatsächlich einen Sicherheitsgewinn bringen.

Und wahrscheinlich wird United Internet mit dieser hinterlistigen Strategie Erfolg haben und der Nutzung von AdBlock (zumindest unter ihren eigenen Besuchern) einen spürbaren Dämpfer verpassen. Wir können uns schonmal auf Anrufe unserer Eltern freuen: „Da kam so ’ne Meldung, mein Browser wäre unsicher!“

10 Kommentare
    • Michael Büker sagte:

      Irgendwas muss sich an den beschriebenen Zusammenhängen ja geändert haben, sonst würde United Internet ABP promoten statt es zu bekämpfen.

  1. nk sagte:

    Ekelhaft. Der nächste Schritt in einer Reihe von fragwürdigen Geschäftspraktiken. Und solche Typen sollen das staatliche Vertrauen in Sachen „e-Mail 2.0“ zugesprochen bekommen. Das muss der vielbeschworene deutsche Vorreiterindustrie sein. Ein einziger Sumpf.

  2. Ich weiss nicht warum die Leute immer so gegen Werbung auf Webseiten sind?? Ist doch toll wenn Google Werbung für mich schaltet von Sachen die mich auch interessieren. Besser gehts doch nicht. Und was oft übersehen wird…. diese ADblocker schaden ganz gewaltig den kleinen Webseitenbetreiber wie zB. mich… da dadurch meine Einnahmen welche ich für den Betrieb der Webseite und zur Erzeugung der Inhalte verwende, verloren gehen.

  3. springfeld sagte:

    Fürchte das ist nicht die einzige Manipulation seitens web.de: Vor einiger Zeit bekam eine, vermutlich alle zahlende Kundin/en eine E-Mail, in der von „Handlungsbedarf“ die Rede war, weil man nicht erreichbar sei:
    http://unzensiert.org/fuck-you-web-de-mail/

  4. Webvet sagte:

    Weiss gar nicht was die gegen adblock & Co. haben.
    Wer adblock installiert klickt sowieso nicht auf die Werbung. Und sollte web.de noch Werbekunden haben, die fuer das blosse Anzeigen bezahlen, werden auch keine Banner impressions an die adblock user vergeudet, weil gar nix vom ad server angefragt wird.

    Uebrigens schoen zu sehen wie sich die browsersicherheit.info Seite mittlerweile an den Druck angepasst hat. Ist auch dein Verdienst. Danke.

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