Bahnfahren wie ein Profi

Zugfahren kann einschüchternd sein. Rätselhafte Bräuche, kryptische Symbole und ein undurchdringlicher sozialer Code umwehen dieses große Abenteuer des 20. Jahrhunderts. Lesen Sie hier, wie Sie sich in der Bahn wie ein Profi verhalten. Nur nicht auffallen, lautet die Devise! Mit diesen Tipps klappt es bestimmt.

Gepäck

Das Zauberwort heißt Rollkoffer. Verzichten Sie unbedingt auf Rucksäcke, Umhängetaschen und andere Gespräckstücke, die ihre Hände freilassen. Wählen Sie einen möglichst großen Rollkoffer, um an einem beliebten Spiel unter Bahnreisenden teilzunehmen: „Passt mein Gepäckstück durch den Gang?“ Je knapper Sie ihren Boliden zwischen den Sitzreihen hindurchrammen müssen, desto mehr Achtung wird Ihnen entgegengebracht. Zwei Techniken sind beliebt: Schieben Sie den Rollkoffer vor sich her, damit er sich möglichst effektvoll verkeilen kann – oder ziehen sie ihn hinter sich entlang, um ihn mit größerer Wucht bereits sitzenden Fahrgästen gegen die Beine fahren zu können.

Sie müssen sich trotz Ihres großzügigen Gepäckstücks keine Mühe geben, effizient zu packen: Es gehört zum guten Ton, neben einem Rollkoffer noch ein bis zwei andere Gepäckstücke dabeizuhaben (sehr beliebt: Plastiktüten, Riesenhandtaschen). Verstehen Sie das Einsteigen und Durch-den-Gang-Bewegen nicht als Fortbewegung, sondern als eine Art Ausdruckstanz unter Zuhilfenahme schwerer Gegenstände.

Als Faustregel gilt: Wenn Ihre Gepäckstücke so zahlreich und unhandlich sind, dass Sie keines davon ohne Hilfe in eine Gepäckablage legen können, liegen Sie richtig. Fragen Sie dennoch keinesfalls um Hilfe, bevor Sie nicht mindestens einmal versucht haben, ihren Koffer über die Köpfe anderer Fahrgäste hinweg an die Decke zu werfen. Eine Minute im Gang stehenzubleiben, um sich auf den eröffenenden Wurf vorzubereiten, ist vollkommen angemessen.

Einstieg

Wenn Sie eine Reservierung haben, steigen Sie in irgendeinen beliebigen Wagen ein – am besten in den, vor dessen Tür die meisten anderen Leute stehen, denn dies ist offensichtlich der beliebteste Wagen. Verlieren Sie keinesfalls die Nerven und konsultieren den Wagenreihungsplan. Fangen Sie gleich nach dem Einstieg an, laut und deutlich die Nummer des Wagens zu rufen, in dem Ihre Reservierung liegt. Andere Fahrgäste weisen Ihnen gern den Weg in eine Richtung, welche entweder die richtige oder die falsche ist. Sie müssen übrigens nicht genau zwischen den Nummern des Sitzplatzes, des Wagens oder des Zugs unterscheiden, diese sind vollkommen austauschbar.

Falls Sie keine Reservierung haben, ignorieren Sie unbedingt die Reservierungsanzeigen über den Sitzen. Laufen Sie stattdessen durch mindestens eineinhalb Waggons, bevor Sie nachdenklich vor einem Sitzplatz stehen bleiben. Warten Sie mindestens 30 Sekunden, ehe Sie sprechen – in dieser Zeit können Sie so tun, als würden Sie die Reservierungsanzeige konsultieren, von der Sie sich aber keinesfalls beeindrucken lassen sollten. Fragen Sie laut und deutlich, „Ist hier noch frei?“, und – wichtig! – ignorieren Sie jegliche Anwort. Der angesprochene Fahrgast wird nun seinerseits auf die Reservierungsanzeige blicken und irgendetwas sagen. Egal, was das ist: Setzen Sie sich einfach hin.

Bleiben Sie in jedem Fall vor dem Platznehmen mit ihrem gesamten Gepäck mehrmals unvermittelt im Gang stehen, ob es einen Grund dafür gibt oder nicht. Mitreisende werden Ihnen für das Polonaise-Gefühl dankbar sein!

Verpflegung

Während der gesamten Fahrt zu essen ist ein Zeichen von guter Vorbereitung und gebietet Respekt. Packen Sie möglichst noch vor Anfahren des Zugs sämtliche Lebensmittel aus, die Sie mitführen. Je deutlicher dies für die anderen Fahrgäste wahnehmbar ist, desto besser: Knisternde Folien, Plastiktüten und aufwändige Verpackungen (Geheimtipp: Dunkin‘ Donuts!) sichern Ihnen die Anerkennung anderer Fahrgäste. Geben sie diesen auch die Chance, am Aroma Ihrer Speisen teilzuhaben: Frikadellen und Scheibenwurst eignen sich hervorragend, aber zur Not tut es auch eine Bifi.

Kommunikation

Wenn Sie in Gruppen reisen: Seien Sie vergnüglich! Nichts ist unter Bahnreisenden verpönter, als sich anzuschweigen. Setzen Sie dabei auf den persönlichen Touch, um den Eindruck zu vestärken, den andere von Ihrer Stimmung bekommen: Wenn Sie vegnügt sind, halten Sie eine Flasche Sekt bereit. Wenn Sie Ihre Gesundheit plagt, führen Sie deutlich hörbar Ihre Krankengeschichte aus. Reisen Sie mit Arbeitskollegen, diskutieren Sie lautstark über unfähige Vorgesetzte, Kollegen und Geschäftspartner. Haben sie Liebeskummer, diskutieren Sie schonungslos alle intimen Gedanken und Erlebnisse. Bahnreisende sind vor allem auf der Suche nach einem Einblick in das Leben anderer Menschen – seien Sie hilfreich!

Sollten Sie allein reisen, müssen Sie das Handy zu Hilfe nehmen, um nicht schweigend dazusitzen. Beginnen Sie das erste Telefonat noch vor Anfahren des Zuges und sagen sie laut und deutlich: „ICH BIN JETZT IM ZUG!“ – das hilft anderen Fahrgästen, die sich ihres Aufenthaltsortes unsicher sind. Ansonsten gilt, wie bei persönlichen Gesprächen: Je intimer, desto besser. Führen Sie berufliche Telefonate, müssen Sie nicht auf den persönlichen Touch verzichten: Verwenden Sie möglichst viele Namen, sagen Sie deutlich Ihre Meinung und geben Sie ab und zu auch eine Telefonnummer, ein persönliches Passwort oder eine Anschrift durch. So zeigen Sie auch als geschäftiger Reisender Herz.

Übrigens: Sogenannte Ruheabteile werden besonders von Reisenden aufgesucht, die sich danach sehnen, in aller Ruhe den lautstarken und vielfältigen Unterhaltungen der Mittfahrer zu lauschen.

Fahrkarten

Zugbegleiter freuen sich, Menschen zu überraschen. Achten Sie nicht auf die Fahrkartenkontrolle in Ihrem Abteil, sondern geben Sie sich bis zum letzten Moment ahnungslos. Fangen Sie dann erst an, nach Ihrer Fahrkarte zu suchen, die Sie am besten in Ihrem größten Gepäckstück versteckt haben. Die anderen Fahrgäste werden es lieben, mit Ihnen zu rätseln, wo das Ticket ist!

Ist zu Ihrer Fahrkarte, etwa einem Online-Ticket mit Sparpreis, eine zusätzliche Karte zur Identifikation erforderlich (Kreditkarte, EC-Karte o.Ä.), so halten Sie diese keinesfalls bereit. Zugbegleiter mögen es, in den Dialog zu treten und extra danach zu fragen. Dasselbe gilt für die BahnCard – am schönsten wird es, wenn Sie ganz vergessen, eine zu besitzen!

Ankommen

Wenn die Durchsage des Zugbegleiters zu hören ist, dass das Reiseziel naht, ist es oft schon zu spät, um rechtzeitig auszusteigen! Verfallen Sie lieber ausreichend lange davor in Geschäftigkeit, wuchten Sie Ihr Gepäck über die Mitreisenden und durch die Gänge, um in aller Ruhe die letzte Viertel- oder halbe Stunde der Reise vor den Toiletten im Durchgang zwischen den Wagen zu stehen. Andere Fahrgäste freuen sich über die Abwechselung, dort einen kleinen Slalom um Sie und Ihre Koffer zu laufen.

Gute Fahrt! Welche anderen Tipps haben Bahnfahr-Profis? Vielleicht geben die Kommentare Aufschluss!

2 Kommentare
  1. Feindliche Übernahme des eigenen reservierten Sitzplatzes

    Auch im grundlegend friedlichen Alltag eines Bahnreisenden lauern Konfliktsituationen. Insbesondere, wenn es sich bei dem Gegenstand des Konflikts um ihren reservierten Sitzplatz handelt, kann es schon einmal heikel werden. Darum gelten auch hier einfache, aber wirkungsvolle, Verhaltensregeln.
    Wiegen Sie den Delinquent zunächst in Sicherheit, indem Sie sich mit suchendem Blick verwirrt durch den Wagen bewegen. Haben Sie sich dann scheinbar zufällig vor dem betreffenden Sitzpaar eingefunden, blockieren Sie zunächst den Gang mit ihrem Gepäck, um ihrem Gegner sicher den Fluchtweg abzuschneiden. Die Wut der dadurch aufgebrachten Mitfahrer, die sich inzwischen in eine langen Reihe hinter Ihnen sammeln, verleiht ihrer nun folgenden Argumentation weiteren Nachdruck. Inhaltliche Details spielen keine Rolle. Körperliche Beschwerden, Kinder, sowie andere Scheinargumente sollten sie bewusst ignorieren. Sie haben schließlich 4 Euro gezahlt! Ziehen Sie auch gerne die Zugbegleiter als neutrale Instanz hinzu. Lassen Sie sich von Zahlendrehern auf ihrer Reservierung so kurz vor dem Ziel nicht einschüchtern! Gehen Sie nicht zur Seite, um ihrem Gegner die Flucht zu ermöglichen!
    Und sollten zwischen dem errungenen Sieg und dem Ausstieg nur wenige Sekunden liegen, nutzen Sie sie. Genießen Sie ihren Sitzplatz, sie haben ihn sich wirklich verdient!

  2. Nico sagte:

    Was beim Einsteigen fehlt ist, dass man ja kein Platz machen darf. Als einsteigender hat man Vorrang. Man muss sich direkt vor die Tür stellen. Wichtig: Je weniger aussteigende Fahrgäste vorbei kommen um so besser. Sobald die Tür sich öffnet REIN. Der Zug könnte losfahren bevor die Tür sich schließt. Extrapunkte bekommt man, wenn man beim Einsteigen die Aussteigende Fahrgäste anpöbelt, dass diese Platzmachen sollen. Was stehen die auch so dumm im Gang vor der Tür.

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