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Archiv für den Monat Februar 2017

Letzte Woche habe ich zum ersten Mal von Pulse of Europe gehört: einer Reihe von wöchentlichen Demonstrationen, die sich unter dem Zeichen der Europa-Flagge in verschiedenen Städten in Deutschland trifft. Mich hat das sehr gefreut, denn ich dachte mir schon seit ein paar Monaten: Wenn Leute mit der Europa-Flagge demonstrieren, sind sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit anständig drauf.

Am Tag nach dem Brexit-Referendum hatte ich mir eine Europaflagge an die Mütze geheftet. In Griechenland hatte ich im Sommer 2015 die hässlichen Folgen der Euro-Politik erlebt, und die Abschottung der EU-Außengrenzen kostet jährlich tausende Leben. Aber wenn noch mehr Teile der europäischen Gesellschaft in Hysterie verfallen und den Zusammenhalt aufkündigen würden, stünde uns noch viel mehr Scheiße bevor.

poe_1Pulse of Europe steht für die Alternative dazu: dass der Zusammenhalt weiter besteht. Wie der Gründer im Interview erklärt hat, war auch er vom Brexit-Votum bewegt. Die Demonstrationen sollen bis zu den anstehenden Wahlen in den Niederlanden und Frankreich wöchentlich stattfinden, und haben sich mit orangen Fähnchen, Grußbotschaften und ähnlichen Aktionen auch direkt an die Gesellschaften der Nachbarländer gewandt.

Heute war ich in Berlin bei der Demo auf dem Gendarmenmarkt. Dass hier kein typisches Demo-Publikum am Start ist, merkte man schon daran, dass die Kundgebung pünktlich begann. Der Gründer aus Frankfurt war zu Gast und begrüßte die Teilnehmer – dabei sagte er ulkigerweise auch, dass er sich und viele Teilnehmer der Kundgebunden nicht als erfahrene Demonstranten sieht.

Zu den Ansprachen gehörte auch, dass die zehn Grundsätze von Pulse of Europe verlesen wurden. Mir gefallen sie ganz gut, wobei etwas weniger vorsichtig-diplomatische Formulierungen und die Beschränkung auf drei bis fünf knackige Thesen der Markenwahrnehmung helfen könnten. Aber was soll’s, „Pulse of Europe“ klingt ohnehin wie eine Techno-Party – wichtig ist, dass Menschen für Europa demonstrieren. Wenn die Berichterstattung stimmt, kann die Sache noch ordentlich wachsen, denn der zeitliche Rahmen „wöchentlich bis zur Frankreich-Wahl“ ist geschickt gewählt und die Symbolik – die Europa-Flagge – ist weithin bekannt, leicht zugänglich und funktioniert hervorragend in Sachen Wiedererkennung und Identifikation.

Demonstrant des Tages

Demonstrant des Tages

Ein Redebeitrag, der mir sehr gefiel, war das Besprechen von EU-relevanten Nachrichten der letzten Woche. Die „politisch neutrale“ Stellung, in der sich Pulse of Europe sieht, ließ das zum Teil ein bisschen wackelig klingen, weil kaum offene Kritik oder Forderungen als Interpretation geliefert wurden. Aber ich fand es sehr gut, für alle Versammelten ein Informationsangebot zu machen und sie zur Diskussion anzuregen.

Dann gab es ein „Open Mic“ mit hochwertigen Beiträgen – ganz anders, als man es von ähnlichen Veranstaltungen kennt. Es wurden Grüße aus Frankreich übermittelt, und das Konzerthaus am Gendarmenmarkt lud für die nächste Woche auf seine schicke Treppe ein. Es sprach auch jemand für DiEM25, die sich die Aufmerksamkeit für Pulse of Europe sicher selbst wünschen würden, sich aber auch inhaltlich sehr viel stärker positionieren.

Die Demo endete – pünktlich nach einer Stunde – mit einer Menschenkette um den Gendarmenmarkt zu erhebender Musik. Eine schöne, kleine Aktion für ein Gefühl von Gemeinsamkeit. Als „Rausschmeißer“ zur Auflösung lief dann die Europahymne mit dem „Freude schöner Götterfunken“-Text in einer Europop-Version mit Synthie-Sound – europäischer geht es kaum^^