Die Bahn kommt nicht auf ihre neue Ausweispflicht klar

[ Ein wichtiges Wort vorweg: Ich fahre sehr gern mit der Bahn, finde es komfortabel und angenehm, bin froh über unsere hervorragende Infrastruktur, finde dass die Bahn einen ganz anständigen Job macht und habe größten Respekt vor den Berufen der Lokführerin und des Zugbegleiters. Kein aber :​) ]

Worum geht es? Die Bahn verlangt – warum auch immer – dass auf jedem Online-Ticket der Name der reisenden Person steht. Das möchte sie auch kontrollieren, und hat dafür kürzlich die Regeln geändert. Nun weiß niemand mehr, was los ist: Zugbegleiter, Bahn-Webseite und Bahn-Support widersprechen sich gegenseitig.

Erster Akt: Früher™

Bis zur Änderung im Oktober 2016 lautete die Regel so: Wer ein Online-Ticket buchte, musste dabei den Namen der reisenden Person angeben und eine Identifizierungskarte bestimmen, welche die reisende Person mitzuführen hatte. So sollten zwei Dinge unter einen Hut gebracht werden: Dass jedes Online-Ticket personalisiert war, aber dass man auch für andere Personen buchen konnte. Um die Sache noch einfacher zu machen, ließ die Bahn verschiedene Arten von Identifizierungskarte zu, darunter Personalausweis, Kreditkarte und BahnCard.

Wenn ich für Onkel Heinz ein Online-Ticket buchen wollte, habe ich seinen Namen eingetragen und den Personalausweis als Identifizierungskarte festgelegt, den er ohnehin immer dabei hat. Dann konnte Onkel Heinz mit dem von mir gebuchten Online-Ticket fahren, sich mit seinem Personalausweis identifizieren, und alles war schön. Wenn ich für mich selbst gebucht habe, habe ich meine BahnCard als Identifizierungskarte angegeben. Die musste ich bei Fahrtkarten mit BahnCard-Rabatt sowieso immer vorzeigen, und alles war schön.

In der Praxis gab es jedoch ein großes Problem: Viele Leute haben Online-Tickets mit einer Kreditkarte bezahlt, und diese der Einfachheit halber auch gleich als Identifizierungskarte angegeben, ohne das Konzept so richtig zu verstehen. Die Kreditkarte hatten sie dann – wie das in Deutschland eben so ist – gar nicht immer bei sich, und waren im Zug plötzlich mit Online-Ticket aber ohne die selbst gewählte Identifizierungskarte praktisch am Schwarzfahren.

Das Problem war offenbar so dramatisch, dass die Bahn sich entschieden hat, die Regeln zu ändern. Die Änderung wurde als große Vereinfachung angekündigt, mit dem Slogan: „Jetzt reicht ihr Name“.

Zweiter Akt: Jeder macht, was er will

Seit der Regeländerung habe ich die Praxis verschieden erlebt, und auch meine Nachfragen wurden widersprüchlich beantwortet. Ich will mal aufzählen, was ich genau beobachtet habe:

  1. Mitte März 2017 im IC nach Berlin: Ich zeige mein Online-Ticket, meine BahnCard und meine Krankenkassenkarte mit Foto vor. Die Zugbegleiterin ist zufrieden.
  2. Ende März 2017 im ICE nach Leipzig: Eine Zugbegleiterin erklärt, zu jedem Online-Ticket müsse Personalausweis oder Reisepass vorgezeigt werden. Nur von BahnCard-Kunden könne sie auch einen Führerschein akzeptieren.
  3. Ende März 2017, am Bahnsteig in Leipzig: Ich frage zwei Zugbegleiterinnen, was für ein Ausweis neuerdings zu Online-Tickets vorgezeigt werden muss. Beide sagen: Irgendwas mit Foto und Name reicht, zum Beispiel Krankenkassenkarte und Führerschein.
  4. Der Online-Artikel der Bahn zur Regeländerung sagt: „Auch die BahnCard wird anerkannt.“ Nun beißt sich die Katze aber in den Schwanz, denn für die BahnCard gilt laut Bahn-Bedingungen: „Bei der Kontrolle im Zug ist ein amtlicher Lichtbildausweis vorzuzeigen.“ Also doch Personalausweis oder Reisepass, egal ob BahnCard-Inhaber oder nicht?
  5. Der Bahn-Support auf Twitter windet sich und will sich nicht festlegen (siehe unten).

Die Auflösung, soweit ich sie mir bisher zusammenreimen konnte, lautet: 1) und 3) waren sehr nett, aber haben es laut Bahn-Regeln falsch gemacht. 2) hat Recht, was auch durch 4) gestützt wird, auch wenn 5) es nicht zugeben will.

Dritter Akt: Auf den Ausweis kommt es an

Wen interessiert das überhaupt alles? Die Antwort ist: Jeden BahnCard-Inhaber, der keinen Personalausweis besitzt. Ein Leben ohne den teuren und nutzlosen Personalausweis ist nämlich möglich, denn ein Reisepass ist laut Gesetz ein vollwertiger Ersatz. Für BahnCard-Inhaber, die früher allein mit Online- oder Handyticket+BahnCard fahren konnten, stellt sich nun aber die Frage: Muss ich ab jetzt auf jeder Bahnfahrt meinen Reisepass mitschleppen?

Ein Ausweg könnte die Definition des Begriff „amtlicher Lichtbildausweis“ sein, die von der Bahn zugrunde gelegt wird, denn: als solchen kann man offenbar auch einen Führerschein verstehen. Es geht also um eine eigentlich sehr einfache Frage: Genügt ein Führerschein als „amtlicher Lichtbildausweis“, um meiner mitgeführten BahnCard zur Gültigkeit zu verhelfen? Wie immer ist es bei der Bahn alles andere als einfach, eine Antwort zu bekommen.

Vor etwa zwei Jahren meinte die Bahn auf Twitter, dem wäre so:

Heute meinte sie erst das Gegenteil, im Einklang mit einer Supportauskunft auf bahn.de vom September 2016:

… um dann auf die verwirrendstmögliche Weise zurückzurudern:

Und nun?

Muss ein BahnCard-Inhaber ohne Personalausweis in Zukunft bei jeder Zugfahrt den Reisepass mitschleppen, oder genügt der Führerschein? Die Frage bleibt vorerst offen. Ich bin gespannt, ob sich noch eine Antwort findet, gern auch in den Kommentaren 🙂

PS: Wer sagt, dass man eigentlich schon immer den ominösen „Lichtbildausweis“ zur BahnCard hätte mitführen müssen, hat Recht – tatsächlich war das aber in all den Jahren in der Praxis irrelevant. Erst jetzt, mit der neuen Ausweispflicht der Bahn, sehen sich die Zugbegleiter offenbar gezwungen, regelmäßig auch nach einem Lichtbildausweis zur BahnCard zu fragen.

Update, 31.03.2017

Der Bahn-Support hat auf Twitter ausdrücklich auf diesen Blogpost reagiert und sich wie folgt festgelegt:

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2 Kommentare
  1. Jan sagte:

    Juhuuu! Trotz Schengen endlich wieder Passpflicht für Ausländer!!1elf Das ist Fortschritt. -.-

    Auch wenn es vermutlich von Anfang an eine Falle war, muss ich es doch fragen: Wy u has teh cats?

    Jan

    • Michael Büker sagte:

      Man muss schon dazusagen, dass das nur für Online-Tickets gilt. Aus dem Automaten oder vom Schalter gekaufte Tickets sind nicht mit der Ausweispflicht belegt.
      Katzenbilder helfen bei langen, nicht bebilderten Texten, die Aufmerksamkeit zu halten^^ Habe das hier erstmals selbst ausprobiert.

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