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Persönlich

[ Ein wichtiges Wort vorweg: Ich fahre sehr gern mit der Bahn, finde es komfortabel und angenehm, bin froh über unsere hervorragende Infrastruktur, finde dass die Bahn einen ganz anständigen Job macht und habe größten Respekt vor den Berufen der Lokführerin und des Zugbegleiters. Kein aber :​) ]

Worum geht es? Die Bahn verlangt – warum auch immer – dass auf jedem Online-Ticket der Name der reisenden Person steht. Das möchte sie auch kontrollieren, und hat dafür kürzlich die Regeln geändert. Nun weiß niemand mehr, was los ist: Zugbegleiter, Bahn-Webseite und Bahn-Support widersprechen sich gegenseitig.

Erster Akt: Früher™

Bis zur Änderung im Oktober 2016 lautete die Regel so: Wer ein Online-Ticket buchte, musste dabei den Namen der reisenden Person angeben und eine Identifizierungskarte bestimmen, welche die reisende Person mitzuführen hatte. So sollten zwei Dinge unter einen Hut gebracht werden: Dass jedes Online-Ticket personalisiert war, aber dass man auch für andere Personen buchen konnte. Um die Sache noch einfacher zu machen, ließ die Bahn verschiedene Arten von Identifizierungskarte zu, darunter Personalausweis, Kreditkarte und BahnCard.

Wenn ich für Onkel Heinz ein Online-Ticket buchen wollte, habe ich seinen Namen eingetragen und den Personalausweis als Identifizierungskarte festgelegt, den er ohnehin immer dabei hat. Dann konnte Onkel Heinz mit dem von mir gebuchten Online-Ticket fahren, sich mit seinem Personalausweis identifizieren, und alles war schön. Wenn ich für mich selbst gebucht habe, habe ich meine BahnCard als Identifizierungskarte angegeben. Die musste ich bei Fahrtkarten mit BahnCard-Rabatt sowieso immer vorzeigen, und alles war schön.

In der Praxis gab es jedoch ein großes Problem: Viele Leute haben Online-Tickets mit einer Kreditkarte bezahlt, und diese der Einfachheit halber auch gleich als Identifizierungskarte angegeben, ohne das Konzept so richtig zu verstehen. Die Kreditkarte hatten sie dann – wie das in Deutschland eben so ist – gar nicht immer bei sich, und waren im Zug plötzlich mit Online-Ticket aber ohne die selbst gewählte Identifizierungskarte praktisch am Schwarzfahren.

Das Problem war offenbar so dramatisch, dass die Bahn sich entschieden hat, die Regeln zu ändern. Die Änderung wurde als große Vereinfachung angekündigt, mit dem Slogan: „Jetzt reicht ihr Name“.

Zweiter Akt: Jeder macht, was er will

Seit der Regeländerung habe ich die Praxis verschieden erlebt, und auch meine Nachfragen wurden widersprüchlich beantwortet. Ich will mal aufzählen, was ich genau beobachtet habe:

  1. Mitte März 2017 im IC nach Berlin: Ich zeige mein Online-Ticket, meine BahnCard und meine Krankenkassenkarte mit Foto vor. Die Zugbegleiterin ist zufrieden.
  2. Ende März 2017 im ICE nach Leipzig: Eine Zugbegleiterin erklärt, zu jedem Online-Ticket müsse Personalausweis oder Reisepass vorgezeigt werden. Nur von BahnCard-Kunden könne sie auch einen Führerschein akzeptieren.
  3. Ende März 2017, am Bahnsteig in Leipzig: Ich frage zwei Zugbegleiterinnen, was für ein Ausweis neuerdings zu Online-Tickets vorgezeigt werden muss. Beide sagen: Irgendwas mit Foto und Name reicht, zum Beispiel Krankenkassenkarte und Führerschein.
  4. Der Online-Artikel der Bahn zur Regeländerung sagt: „Auch die BahnCard wird anerkannt.“ Nun beißt sich die Katze aber in den Schwanz, denn für die BahnCard gilt laut Bahn-Bedingungen: „Bei der Kontrolle im Zug ist ein amtlicher Lichtbildausweis vorzuzeigen.“ Also doch Personalausweis oder Reisepass, egal ob BahnCard-Inhaber oder nicht?
  5. Der Bahn-Support auf Twitter windet sich und will sich nicht festlegen (siehe unten).

Die Auflösung, soweit ich sie mir bisher zusammenreimen konnte, lautet: 1) und 3) waren sehr nett, aber haben es laut Bahn-Regeln falsch gemacht. 2) hat Recht, was auch durch 4) gestützt wird, auch wenn 5) es nicht zugeben will.

Dritter Akt: Auf den Ausweis kommt es an

Wen interessiert das überhaupt alles? Die Antwort ist: Jeden BahnCard-Inhaber, der keinen Personalausweis besitzt. Ein Leben ohne den teuren und nutzlosen Personalausweis ist nämlich möglich, denn ein Reisepass ist laut Gesetz ein vollwertiger Ersatz. Für BahnCard-Inhaber, die früher allein mit Online- oder Handyticket+BahnCard fahren konnten, stellt sich nun aber die Frage: Muss ich ab jetzt auf jeder Bahnfahrt meinen Reisepass mitschleppen?

Einen Ausweg könnte die Definition des Begriff „amtlicher Lichtbildausweis“ sein, die von der Bahn zugrunde gelegt wird, denn: als solchen kann man offenbar auch einen Führerschein verstehen. Es geht also um eine eigentlich sehr einfache Frage: Genügt ein Führerschein als „amtlicher Lichtbildausweis“, um meiner mitgeführten BahnCard zur Gültigkeit zu verhelfen? Wie immer ist es bei der Bahn alles andere als einfach, eine Antwort zu bekommen.

Vor etwa zwei Jahren meinte die Bahn auf Twitter, dem wäre so:

Heute meinte sie erst das Gegenteil, im Einklang mit einer Supportauskunft auf bahn.de vom September 2016:

… um dann auf die verwirrendstmögliche Weise zurückzurudern:

Und nun?

Muss ein BahnCard-Inhaber ohne Personalausweis in Zukunft bei jeder Zugfahrt den Reisepass mitschleppen, oder genügt der Führerschein? Die Frage bleibt vorerst offen. Ich bin gespannt, ob sich noch eine Antwort findet, gern auch in den Kommentaren 🙂

PS: Wer sagt, dass man eigentlich schon immer den ominösen „Lichtbildausweis“ zur BahnCard hätte mitführen müssen, hat Recht – tatsächlich war das aber in all den Jahren in der Praxis irrelevant. Erst jetzt, mit der neuen Ausweispflicht der Bahn, sehen sich die Zugbegleiter offenbar gezwungen, regelmäßig auch nach einem Lichtbildausweis zur BahnCard zu fragen.

Update, 31.03.2017

Der Bahn-Support hat auf Twitter ausdrücklich auf diesen Blogpost reagiert und sich wie folgt festgelegt:

Letzte Woche habe ich zum ersten Mal von Pulse of Europe gehört: einer Reihe von wöchentlichen Demonstrationen, die sich unter dem Zeichen der Europa-Flagge in verschiedenen Städten in Deutschland trifft. Mich hat das sehr gefreut, denn ich dachte mir schon seit ein paar Monaten: Wenn Leute mit der Europa-Flagge demonstrieren, sind sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit anständig drauf.

Am Tag nach dem Brexit-Referendum hatte ich mir eine Europaflagge an die Mütze geheftet. In Griechenland hatte ich im Sommer 2015 die hässlichen Folgen der Euro-Politik erlebt, und die Abschottung der EU-Außengrenzen kostet jährlich tausende Leben. Aber wenn noch mehr Teile der europäischen Gesellschaft in Hysterie verfallen und den Zusammenhalt aufkündigen würden, stünde uns noch viel mehr Scheiße bevor.

poe_1Pulse of Europe steht für die Alternative dazu: dass der Zusammenhalt weiter besteht. Wie der Gründer im Interview erklärt hat, war auch er vom Brexit-Votum bewegt. Die Demonstrationen sollen bis zu den anstehenden Wahlen in den Niederlanden und Frankreich wöchentlich stattfinden, und haben sich mit orangen Fähnchen, Grußbotschaften und ähnlichen Aktionen auch direkt an die Gesellschaften der Nachbarländer gewandt.

Heute war ich in Berlin bei der Demo auf dem Gendarmenmarkt. Dass hier kein typisches Demo-Publikum am Start ist, merkte man schon daran, dass die Kundgebung pünktlich begann. Der Gründer aus Frankfurt war zu Gast und begrüßte die Teilnehmer – dabei sagte er ulkigerweise auch, dass er sich und viele Teilnehmer der Kundgebunden nicht als erfahrene Demonstranten sieht.

Zu den Ansprachen gehörte auch, dass die zehn Grundsätze von Pulse of Europe verlesen wurden. Mir gefallen sie ganz gut, wobei etwas weniger vorsichtig-diplomatische Formulierungen und die Beschränkung auf drei bis fünf knackige Thesen der Markenwahrnehmung helfen könnten. Aber was soll’s, „Pulse of Europe“ klingt ohnehin wie eine Techno-Party – wichtig ist, dass Menschen für Europa demonstrieren. Wenn die Berichterstattung stimmt, kann die Sache noch ordentlich wachsen, denn der zeitliche Rahmen „wöchentlich bis zur Frankreich-Wahl“ ist geschickt gewählt und die Symbolik – die Europa-Flagge – ist weithin bekannt, leicht zugänglich und funktioniert hervorragend in Sachen Wiedererkennung und Identifikation.

Demonstrant des Tages

Demonstrant des Tages

Ein Redebeitrag, der mir sehr gefiel, war das Besprechen von EU-relevanten Nachrichten der letzten Woche. Die „politisch neutrale“ Stellung, in der sich Pulse of Europe sieht, ließ das zum Teil ein bisschen wackelig klingen, weil kaum offene Kritik oder Forderungen als Interpretation geliefert wurden. Aber ich fand es sehr gut, für alle Versammelten ein Informationsangebot zu machen und sie zur Diskussion anzuregen.

Dann gab es ein „Open Mic“ mit hochwertigen Beiträgen – ganz anders, als man es von ähnlichen Veranstaltungen kennt. Es wurden Grüße aus Frankreich übermittelt, und das Konzerthaus am Gendarmenmarkt lud für die nächste Woche auf seine schicke Treppe ein. Es sprach auch jemand für DiEM25, die sich die Aufmerksamkeit für Pulse of Europe sicher selbst wünschen würden, sich aber auch inhaltlich sehr viel stärker positionieren.

Die Demo endete – pünktlich nach einer Stunde – mit einer Menschenkette um den Gendarmenmarkt zu erhebender Musik. Eine schöne, kleine Aktion für ein Gefühl von Gemeinsamkeit. Als „Rausschmeißer“ zur Auflösung lief dann die Europahymne mit dem „Freude schöner Götterfunken“-Text in einer Europop-Version mit Synthie-Sound – europäischer geht es kaum^^

Zugfahren kann einschüchternd sein. Rätselhafte Bräuche, kryptische Symbole und ein undurchdringlicher sozialer Code umwehen dieses große Abenteuer des 20. Jahrhunderts. Lesen Sie hier, wie Sie sich in der Bahn wie ein Profi verhalten. Nur nicht auffallen, lautet die Devise! Mit diesen Tipps klappt es bestimmt.

Gepäck

Das Zauberwort heißt Rollkoffer. Verzichten Sie unbedingt auf Rucksäcke, Umhängetaschen und andere Gespräckstücke, die ihre Hände freilassen. Wählen Sie einen möglichst großen Rollkoffer, um an einem beliebten Spiel unter Bahnreisenden teilzunehmen: „Passt mein Gepäckstück durch den Gang?“ Je knapper Sie ihren Boliden zwischen den Sitzreihen hindurchrammen müssen, desto mehr Achtung wird Ihnen entgegengebracht. Zwei Techniken sind beliebt: Schieben Sie den Rollkoffer vor sich her, damit er sich möglichst effektvoll verkeilen kann – oder ziehen sie ihn hinter sich entlang, um ihn mit größerer Wucht bereits sitzenden Fahrgästen gegen die Beine fahren zu können.

Sie müssen sich trotz Ihres großzügigen Gepäckstücks keine Mühe geben, effizient zu packen: Es gehört zum guten Ton, neben einem Rollkoffer noch ein bis zwei andere Gepäckstücke dabeizuhaben (sehr beliebt: Plastiktüten, Riesenhandtaschen). Verstehen Sie das Einsteigen und Durch-den-Gang-Bewegen nicht als Fortbewegung, sondern als eine Art Ausdruckstanz unter Zuhilfenahme schwerer Gegenstände.

Als Faustregel gilt: Wenn Ihre Gepäckstücke so zahlreich und unhandlich sind, dass Sie keines davon ohne Hilfe in eine Gepäckablage legen können, liegen Sie richtig. Fragen Sie dennoch keinesfalls um Hilfe, bevor Sie nicht mindestens einmal versucht haben, ihren Koffer über die Köpfe anderer Fahrgäste hinweg an die Decke zu werfen. Eine Minute im Gang stehenzubleiben, um sich auf den eröffenenden Wurf vorzubereiten, ist vollkommen angemessen.

Einstieg

Wenn Sie eine Reservierung haben, steigen Sie in irgendeinen beliebigen Wagen ein – am besten in den, vor dessen Tür die meisten anderen Leute stehen, denn dies ist offensichtlich der beliebteste Wagen. Verlieren Sie keinesfalls die Nerven und konsultieren den Wagenreihungsplan. Fangen Sie gleich nach dem Einstieg an, laut und deutlich die Nummer des Wagens zu rufen, in dem Ihre Reservierung liegt. Andere Fahrgäste weisen Ihnen gern den Weg in eine Richtung, welche entweder die richtige oder die falsche ist. Sie müssen übrigens nicht genau zwischen den Nummern des Sitzplatzes, des Wagens oder des Zugs unterscheiden, diese sind vollkommen austauschbar.

Falls Sie keine Reservierung haben, ignorieren Sie unbedingt die Reservierungsanzeigen über den Sitzen. Laufen Sie stattdessen durch mindestens eineinhalb Waggons, bevor Sie nachdenklich vor einem Sitzplatz stehen bleiben. Warten Sie mindestens 30 Sekunden, ehe Sie sprechen – in dieser Zeit können Sie so tun, als würden Sie die Reservierungsanzeige konsultieren, von der Sie sich aber keinesfalls beeindrucken lassen sollten. Fragen Sie laut und deutlich, „Ist hier noch frei?“, und – wichtig! – ignorieren Sie jegliche Anwort. Der angesprochene Fahrgast wird nun seinerseits auf die Reservierungsanzeige blicken und irgendetwas sagen. Egal, was das ist: Setzen Sie sich einfach hin.

Bleiben Sie in jedem Fall vor dem Platznehmen mit ihrem gesamten Gepäck mehrmals unvermittelt im Gang stehen, ob es einen Grund dafür gibt oder nicht. Mitreisende werden Ihnen für das Polonaise-Gefühl dankbar sein!

Verpflegung

Während der gesamten Fahrt zu essen ist ein Zeichen von guter Vorbereitung und gebietet Respekt. Packen Sie möglichst noch vor Anfahren des Zugs sämtliche Lebensmittel aus, die Sie mitführen. Je deutlicher dies für die anderen Fahrgäste wahnehmbar ist, desto besser: Knisternde Folien, Plastiktüten und aufwändige Verpackungen (Geheimtipp: Dunkin‘ Donuts!) sichern Ihnen die Anerkennung anderer Fahrgäste. Geben sie diesen auch die Chance, am Aroma Ihrer Speisen teilzuhaben: Frikadellen und Scheibenwurst eignen sich hervorragend, aber zur Not tut es auch eine Bifi.

Kommunikation

Wenn Sie in Gruppen reisen: Seien Sie vergnüglich! Nichts ist unter Bahnreisenden verpönter, als sich anzuschweigen. Setzen Sie dabei auf den persönlichen Touch, um den Eindruck zu vestärken, den andere von Ihrer Stimmung bekommen: Wenn Sie vegnügt sind, halten Sie eine Flasche Sekt bereit. Wenn Sie Ihre Gesundheit plagt, führen Sie deutlich hörbar Ihre Krankengeschichte aus. Reisen Sie mit Arbeitskollegen, diskutieren Sie lautstark über unfähige Vorgesetzte, Kollegen und Geschäftspartner. Haben sie Liebeskummer, diskutieren Sie schonungslos alle intimen Gedanken und Erlebnisse. Bahnreisende sind vor allem auf der Suche nach einem Einblick in das Leben anderer Menschen – seien Sie hilfreich!

Sollten Sie allein reisen, müssen Sie das Handy zu Hilfe nehmen, um nicht schweigend dazusitzen. Beginnen Sie das erste Telefonat noch vor Anfahren des Zuges und sagen sie laut und deutlich: „ICH BIN JETZT IM ZUG!“ – das hilft anderen Fahrgästen, die sich ihres Aufenthaltsortes unsicher sind. Ansonsten gilt, wie bei persönlichen Gesprächen: Je intimer, desto besser. Führen Sie berufliche Telefonate, müssen Sie nicht auf den persönlichen Touch verzichten: Verwenden Sie möglichst viele Namen, sagen Sie deutlich Ihre Meinung und geben Sie ab und zu auch eine Telefonnummer, ein persönliches Passwort oder eine Anschrift durch. So zeigen Sie auch als geschäftiger Reisender Herz.

Übrigens: Sogenannte Ruheabteile werden besonders von Reisenden aufgesucht, die sich danach sehnen, in aller Ruhe den lautstarken und vielfältigen Unterhaltungen der Mittfahrer zu lauschen.

Fahrkarten

Zugbegleiter freuen sich, Menschen zu überraschen. Achten Sie nicht auf die Fahrkartenkontrolle in Ihrem Abteil, sondern geben Sie sich bis zum letzten Moment ahnungslos. Fangen Sie dann erst an, nach Ihrer Fahrkarte zu suchen, die Sie am besten in Ihrem größten Gepäckstück versteckt haben. Die anderen Fahrgäste werden es lieben, mit Ihnen zu rätseln, wo das Ticket ist!

Ist zu Ihrer Fahrkarte, etwa einem Online-Ticket mit Sparpreis, eine zusätzliche Karte zur Identifikation erforderlich (Kreditkarte, EC-Karte o.Ä.), so halten Sie diese keinesfalls bereit. Zugbegleiter mögen es, in den Dialog zu treten und extra danach zu fragen. Dasselbe gilt für die BahnCard – am schönsten wird es, wenn Sie ganz vergessen, eine zu besitzen!

Ankommen

Wenn die Durchsage des Zugbegleiters zu hören ist, dass das Reiseziel naht, ist es oft schon zu spät, um rechtzeitig auszusteigen! Verfallen Sie lieber ausreichend lange davor in Geschäftigkeit, wuchten Sie Ihr Gepäck über die Mitreisenden und durch die Gänge, um in aller Ruhe die letzte Viertel- oder halbe Stunde der Reise vor den Toiletten im Durchgang zwischen den Wagen zu stehen. Andere Fahrgäste freuen sich über die Abwechselung, dort einen kleinen Slalom um Sie und Ihre Koffer zu laufen.

Gute Fahrt! Welche anderen Tipps haben Bahnfahr-Profis? Vielleicht geben die Kommentare Aufschluss!

Gestern hat die Kollaboration um das LIGO-Experiment bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben, dass erstmals Gravitationswellen direkt gemessen worden sind. Die Stimmung unter Physikerinnen und Physikbegeisterten, von denen zweifellos viele überall auf der Welt in Grüppchen die Übertragung verfolgt haben, erinnerte an die Verkündung der Higgs-Entdeckung vor fast vier Jahren. Das frei zugängliche Paper der Wissenschaftler bei Physical Review Letters, einer der wichtigsten Adressen für physikalische Entdeckungen, hat stundenlang sogar den Webserver des Verlags lahmgelegt. Der reagierte souverän und lagerte die entscheidenden Graphen kurzerhand auf Twitter aus:

Der seinerzeit 83-jährige Peter Higgs sagte 2012 am CERN, dass er nicht gedacht hätte, die Theorie des Higgs-Bosons noch in seiner Lebenszeit bestätigt zu sehen. Nun hat Albert Einstein nicht dasselbe Glück, doch es gibt auch diesmal einen ähnlich spektakulären Fall.

Wie der Physiker und Leiter des GEO600-Experiments Karsten Danzmann bei einer Pressekonferenz in Hannover erzählte, hat Heinz Billing, Pionier für den Aufbau von Gravitationswellen-Experimenten, einst erklärt, er wolle „so lange am Leben zu bleiben, bis der Nachweis gelungen ist“. Verständlich, denn er hat unter anderem dafür gesorgt, dass mit GEO600 viele Messtechniken entwickelt wurden, die schließlich in den LIGO-Detektoren die erfolgreiche Entdeckung ermöglicht haben. Außerdem hat er sein Versprechen gehalten: Geboren im Jahr 1914, kurz bevor Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie überhaupt veröffentlichte, hatte Heinz Billing nun mit 102 Jahren die Gelegenheit dazu.

Worin besteht die Sensation?

Aber Hand aufs Herz: Dass die Allgemeine Relativitätstheorie bestätigt wird, ist schon ein bisschen so, als wenn Bayern München Meister wird. So aufregend einzelne Spiele sein können, das Resultat kommt einfach immer wieder! Die erste Bestätigung der Vorhersagen der Theorie gelang schon 1919 und verschaffte Einstein plötzlichen Weltruhm. Seitdem haben Physiker Atomuhren mit Flugzeugen um die Welt geflogen, haben durch Schwerkraft verzerrte Bilder im All beobachtet und die relativistische Zeitverzerrung der GPS-Satelliten korrekt berechnet.

Und nun, fast genau 100 Jahre nach der Veröffentlichung der ART, wurden die von ihr vorhergesagten Gravitationswellen erstmals direkt gemessen (wobei es durchaus vorher überzeugende Hinweise auf ihre Existenz gab). In der Physik zweifelt niemand mehr ernsthaft daran, dass die Vorhersagen der Allgemeinen Relativitätstheorie zutreffend sind. Zugegeben: Sie ist wahrscheinlich unvollständig, weil sie nicht von sich aus mit der Quantenmechanik zusammenspielt. Aber auch die Newtonschen Gesetze wurden durch Einsteins Arbeit nicht widerlegt, sondern entscheidend erweitert. Wenn es eines Tages eine Lösung für die Frage gibt, wie Quantenmechanik und Gravitation zusammenhängen, wird die ART trotzdem eine enorm nützliche, präzise und für über 100 Jahre unübertroffene Beschreibung des Universums bleiben.

Ist also Bayern bloß wieder Meister geworden? Mitnichten! Die Sensation liegt darin, was die Entdeckung für die Astronomie bedeutet.

Astronomie: Die Wissenschaft des Hinguckens

In gewisser Weise könnte man meinen, die Astronomie müsste die frustrierendste Wissenschaft überhaupt sein: Experimente sind praktisch unmöglich, weil man kein einziges der Untersuchungsobjekte anfassen, geschweige denn präparieren kann. Alles passiert so weit außerhalb unseres Einflusses, dass wir nur zuschauen können. Alle paar Jahre schicken wir zwar Roboter zu anderen Planeten los, aber „Experimentelle Astronomie“ ist das genausowenig, als würde man zum Bäcker laufen und behaupten, man hätte eine Europa-Rundreise gemacht.

Ein riesiges Teleskop vor einem Sternenhimmel. Aus der Kuppel schießt ein Laserstrahl in den Himmel.

Das Very Large Telescope in Chile. Mit Laser! Pew-pew! (Bild: G. Hüdepohl/ESO, CC-BY 4.0)

Gerade deshalb versteht sich die Astronomie auf das Hingucken wie kaum eine andere Wissenschaft. Linsenteleskope, Spektroskopie, Spiegelteleskope, Interferometrie, riesige Spiegelteleskope, Teleskope im Weltraum, Teleskope mit Laserunterstützung, zweidimensionale Spektroskopie, … – fast alles, was man mit Licht machen kann, hat die Astronomie schon gemacht, und dabei immer Neues über Orte herausgefunden, die keine Wissenschaftlerin jemals auch nur träumen könnte zu besuchen. Dabei kommt ihr sehr zugute, dass das elektromagnetische Spektrum nicht nur aus sichtbarem Licht besteht. Beinahe alle Wellenlängen/Frequenzbereiche werden für die Beobachtung des Universums eingespannt.

Manchmal müssen wir dafür Instrumente außerhalb der Erdatmosphäre platzieren, weil diese Teile der Strahlung aus dem All einfach schluckt. Ein Beispiel für ein solches Instrument ist das Infrarot-Teleskop Herschel, das von 2009 bis 2013 den Himmel nach Quellen für Infrarotstrahlung abgesucht hat, wie es zum Beispiel die Oberflächen kalter Körper im Sonnensystem oder die Gaswolken sich neu bildender Sterne in der galaktischen Nachbarschaft sein können. Es ist besonders schade, dass Herschel nicht mehr in Betrieb ist, weil es besonders geeignet gewesen wäre, nach dem kürzlich vorgeschlagenen neunten Planeten zu suchen.

Das Arecibo-Radioteleskop in Puerto Rico, prominent geworden durch meinen absoluten Lieblingsfilm, Contact.

Das Arecibo-Radioteleskop in Puerto Rico, prominent geworden durch meinen absoluten Lieblingsfilm Contact. (Bild: H. Schweiker/WIYN/NOAO/AURA/NSF, gemeinfrei)

Ein weiteres Beispiel sind Radioteleskope – diese riesigen Antennen, die nur mit Phantasie als astronomische Instrumente zu erkennen sind. Sie können etwa Strahlung entdecken, die von geladenen Teilchen ausgesendet wird, wenn sie extremen Magnetfeldern ausgesetzt sind. Solche Magnetfelder gibt es etwa in der Nähe bestimmter Neutronensterne, sogenannter Pulsare und Magnetare.

Eine tolle, knappe Übersicht der verschiedenen Wellenlängenbereiche und ihrer Bedeutung für die Astronomie gibt es hier in der englischsprachigen Wikipedia. Doch spannend wird es nun, wenn neben elektromagnetischer Strahlung noch andere Signale aus dem All ins Spiel kommen.

Mehr als Licht

Die erste solche Erweiterung des Horizonts der Astrophysik nahm um das Jahr 1911 ihren Anfang. Bei Ballonflügen entdeckten Physiker, dass ionisierende Strahlung in der Erdatmosphäre vorhanden war. Im Laufe der Zeit bestätigte sich die These, dass die Strahlung durch Teilchen ausgelöst wird, die ständig aus dem All auf die Erde treffen. Es war die Geburtsstunde der Astroteilchenphysik, welche diese Teilchen untersucht und etwas über die Gegenden in Erfahrung bringt, aus denen sie ausgesendet werden. Das kann zum einen die Sonne sein, die wir praktisch vor der Haustür haben, zum Anderen aber auch die Umgebung eines supermassereichen Schwarzen Lochs in einer ganz anderen Ecke des Universums.

Blick in ein Neutrino-Teleskop: Das Super-Kamiokande-Experiment in Japan. Der Gnubbel rechts ist ein Gummiboot. (Bild: Kamioka Observatory, ICRR (Institute for Cosmic Ray Research), The University of Tokyo, Lizenz: aaa)

Blick in ein Neutrino-Teleskop: Das Super-Kamiokande-Experiment in Japan. Der Gnubbel rechts ist ein Gummiboot. (Bild: Kamioka Observatory, ICRR (Institute for Cosmic Ray Research), The University of Tokyo, Lizenz: siehe hier)

Eine der jüngsten „Neueröffnungen“ der Astroteilchenphysik war das Gebiet der Neutrinoastronomie. Neutrinos sind Teilchen, die so selten in Erscheinung treten, dass sie extrem schwierig nachzuweisen sind und zumeist riesige, hochkomplexe Instrumente erforderlich machen. Im Jahr 1970 gelang es erstmals, Neutrinos aus der Sonne zu messen, und den Sprung aus unserem Sonnensystem schaffte der spektakuläre Nachweis von Neutrinos aus einer Supernova-Explosion in einer unserer Nachbargalaxien im Jahr 1987. Weil sie fast ungestört etliche Millionen von Lichtjahren zurücklegen können und dabei sogar feste Materie durchdringen, sind Neutrinos  perfekte Botschafter aus weit entfernten Regionen.

Neutrino-Observatorien gehören zweifellos zu den skurrilsten „Teleskopen“. Gigantische Wassertanks umringt von tausenden Kameras, tausende Kameras verteilt in einem Kubikkilometer antarktischem Eis oder versenkt im Mittelmeer. Konkurrenz machen ihnen bei diesem Exotenstatus nur noch die Gravitationswellen-Observatorien, von denen gestern das erste eine erfolgreiche Beobachtung vermeldet hat. Doch schauen wir zunächst darauf, welches Verhältnis zur Astronomie dieser Entdeckung zugrunde liegt.

Die Astronomie und die Allgemeine Relativitätstheorie

Die „Beziehungsgeschichte“ von ART und Astronomie ist so facettenreich, kompliziert und verblüffend, dass man sie locker in 30 bis 40 Staffeln „How I Met Your Metric“ auswalzen könnte. Flitzen wir also nur mal durch ein paar Highlights dieser Geschichte:

Smile! Die „Gesichtszüge“ dieses Galaxienclusters in einem Hubble-Foto sind verzerrte Bilder dahinter liegender Galaxien.

Smile! Die „Gesichtszüge“ dieses Galaxienclusters in einem Hubble-Foto sind verzerrte Bilder dahinter liegender Galaxien. (Bild: NASA/ESA/Hubble, gemeinfrei)

  • Einstein konnte mithilfe der ART als erster einen rätselhaften Effekt erklären, der die Umlaufbahn des Merkur um die Sonne betrifft: Da er der Sonne mit ihrer riesigen Masse vergleichsweise nahe kommt, verschiebt sich der sonnennächste Punkt seiner Umlaufbahn laufend. Diese sogenannte Periheldrehung konnte mithilfe der ART präzise berechnet werden.
  • Die Expansion des Universums, wie sie in den 1920er- und 30er-Jahren von Astronomen wie Edwin Hubble nachgewiesen wurde, lässt sich mithilfe der Einsteinschen Feldgleichungen modellieren. Ich erinnere mich noch gut, wie mich in der Kosmologie-Vorlesung die Idee der Friedmann-Lemaître-Gleichung fasziniert hat: Wie wäre es mit einer Differentialgleichung, welche die Entwicklung der gesamten Raumzeit des Universums beschreibt?
  • Der Gravitationslinseneffekt beruht auf der von Einstein vorhergesagten Tatsache, dass Massen die Raumzeit krümmen und so Licht ablenken können. Dies war nicht nur die Grundlage der allerersten unabhängigen Bestätigung seiner Theorie bei einer Sonnenfinsternis im Jahr 1919, sondern beschert der Astronomie bis heute Bilder von bizarrer Schönheit.

Aber wie kann die ART helfen, nicht nur das Gesehene zu verstehen, sondern auch Neues zu sehen? Da kommen die Gravitationswellen ins Spiel.

Gravitationswellensignale als „Fenster“ ins Universum

Mitnichten wurden die Gravitationswellen nämlich einfach nur gemessen im Sinne von: „Jawoll, sie sind da.“ Man hat ein spezielles Signal gesehen, und dieses deutet unmissverständlich auf ein bestimmtes Ereignis hin: Die Kollision zweier Schwarzer Löcher.

Einer der beiden senkrechten Strahlwege eines der beiden LIGO-Detektoren (Bild: Umptanum/Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Einer der beiden senkrechten Strahlwege eines der beiden LIGO-Detektoren (Bild: Umptanum/Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Gravitationswellen werden immer dann ausgesendet, wenn Massen beschleunigt werden. Sie tragen quasi die Information, dass mit gewissen Massen irgendetwas passiert ist, ins Universum hinaus, und zwar mit Lichtgeschwindigkeit. Um ein beliebtes Beispiel zu bemühen: Wenn die Sonne plötzlich verschwinden würde, so würde die Erde noch acht Minuten lang um den Ort kreisen, an dem sie gewesen ist – dann erst erreichte sie mit den Gravitationswellen, die das Ereignis ausgelöst hat, die Information: Das Schwerefeld hier in der Nachbarschaft hat sich verändert. Aber selbst die Gravitationswellen eines so monumentalen Ereignisses wären zu schwach, um von unseren Instrumenten entdeckt zu werden. Nur die gewaltigsten Ereignisse, die im Rahmen der ART erklärbar sind, senden ausreichend starke Wellen aus.

Die kann man dafür wunderbar vorausberechnen: Man nehme die Einsteinschen Feldgleichungen, stecke die Informationen zweier sich umkreisender Schwarzer Löcher hinein und löse die Gleichungen um zu erfahren, wie das Gravitationwellen-Signal aussehen müsste. Ganz so einfach ist es allerdings nicht: Die Gleichungen sind so kompliziert, dass es für diesen Fall keine vollständige Lösung gibt. Stattdessen lässt man Supercomputer monatelang herumrechnen, um dem tatsächlichen Ergebnis möglichst nahe zu kommen. (Das kann man dann vornehm eine „numerische Simulation“ nennen, damit es nicht so behelfsmäßig klingt.)

Und was soll man sagen! Im September haben die beiden mehrere Tausend Kilometer voneinander entfernten Gravitationswellen-Observatorien wenige Millisekunden nacheinander praktisch das gleiche Signal gemessen. Die gestern präsentierten Daten dieser Messung passen so wunderschön zu der Vorhersage eines Signals verschmelzender Schwarzer Löcher (dünne Linie, Beschriftung: „Predicted“), dass einem der Atem stockt:

Beweis und Beobachtung in Einem

Wir haben es also mit zwei handfesten Sensationen zugleich zu tun:

  1. Gravitationswellen gibt es wirklich!
  2. Schwarze Löcher, die sich umkreisen und dann ineinaderfallen gibt es wirklich!

Die Theorie und das Experiment haben uns gelehrt: Das Universum hat eine Menge zu bieten, wenn wir nur die richtigen Instrumente hinstellen. Dass es nun schon mit LIGO geklappt hat, war für mich persönlich eine handfeste Überraschung. Ausreichend empfindlich konstruierte Instrumente am Erdboden habe ich kaum für möglich gehalten. Stattdessen hätte ich auf das eLISA-Projekt gewettet, das in 20 Jahren mit drei Satelliten im Abstand von einigen Millionen Kilometern voneinander eine Rekordpräzision erreichen soll.

Doch nun besteht sogar die Aussicht darauf, dass mit dem Ausbau der amerikanischen Detektoren zu aLIGO sowie weiteren geplanten Instrumenten wie KAGRA in Japan schon die erdgebundene Gravitationswellen-Astrophysik Einiges zu messen haben wird. Wer sich ein bisschen mit den Fachbegriffen auseinandersetzt, kann auf dieser wundervollen Seite mit den Empfindlichkeiten aktueller und geplanter Instrumente herumspielen und sehen, welche Ereignisse sie theoretisch messen könnten.

Wovon können wir hoffen, in Zukunft Signale zu sehen? Vielleicht sehen wir Gravitationswellen von sich umkreisenden Neutronensternen, von Supernova-Explosionen sterbender Sterne oder von Schwarzen Löchern, in die Materie hineinstürzt.

Was wir gestern gesehen haben, was nichts Geringeres als das Aufstoßen eines neuen Fensters in das Universum. In diesem Sinne:

Aufbauend auf dem hervorragenden Artikel „Some Notes on Winter Blues“ von Frank Rieger möchte ich hier meine Recherchen und Erfahrungen zur Bekämpfung des weithin bekannten Stimmungstiefs im Winter dokumentieren. In Deutschland ist der Begriff „Winterdepression“ gebräuchlich, den ich allerdings für irreführend halte, weil eine tatsächliche Depression eine ganz andere Hausnummer ist. Passender ist der englische Name „seasonal affective disorder (SAD)“, auf Deutsch etwa „jahreszeitliche Gemütsstörung“. Wurzel des Problems ist offenbar, dass Menschen im Winter wesentlich weniger Sonnenlicht ausgesetzt sind als in anderen Jahreszeiten. Die geographische Lage (Nord)deutschlands und die Witterungsverhältnisse verschwören sich zu einer Situation, in der schon mal etliche Tage oder Wochen ins Land gehen, ohne dass man einen Sonnenstrahl abbekommt.

Die berüchtigte „Hamburger Sonnenfinsternis“, oft ab etwa 13 Uhr zu bewundern. Foto: elbpresse.de, CC-BY-SA 4.0

Die berüchtigte „Hamburger Sonnenfinsternis“, oft ab etwa 13 Uhr zu bewundern. Foto: elbpresse.de, CC-BY-SA 4.0

Für gewöhnlich komme ich gut damit zurecht, mit der ganzen Natur draußen wenig zu tun zu haben, aber wenn die Bedingungen vor der Tür die eigene Lebensfreude und Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigen, sollte man sich schon mal damit beschäftigen. Sich bei Gelegenheit so lange wie möglich in die Sonne zu stellen oder Sport bei Tageslicht zu machen ist sicher hilfreich, aber Sonnenstunden und Zeit für Spaziergänge sind oft Mangelware. Mein bevorzugter Lösungsansatz ist daher, die offenbar stimmungsaufhellenden Effekte des Sonnenlichts auf anderem Wege zu erzeugen.

Physikalisch gesehen unterscheiden sich Sonnenlicht und das Licht aus einer geeigneten „künstlichen“ Lichtquelle durch nichts. Von Frank Riegers diversen Lösungsvorschlägen habe ich mich daher auf geeignete Lampen konzentriert. Eine von Frank zitierte medizinische Studie stellt fest, dass LED-Licht einer Wellenlänge zwischen 450 und 480 Nanometern (ein kräftiges Blau) bei Probanden das Hormon Melatonin unterdrückt, und zwar umso stärker, je mehr sie diesem Licht ausgesetzt sind. Ein zu hoher Melatoninspiegel kann offenbar ein Stimmungstief bedingen (Disclaimer: Ich habe keine Ahnung von diesem Kram, es klingt für mich lediglich plausibel), sodass ein Senken des Melatoninspiegels durch geeignetes Licht im Winter hilfreich sein kann.

Eine geeignete Lampe muss vor allem das entsprechende blaue Licht abgeben – die Sonne tut das in Hülle und Fülle, die allermeisten Lampen in unserem Alltag aber nicht. Frank empfiehlt, Datenblätter und Spektraldaten zu konsultieren um Lampen mit einem starken ~470-Nanometer-Anteil zu finden. Allerdings sind für die allermeisten Leuchtmittel kaum ausführliche Produktinformationen zu bekommen. Dazu kommt, dass etliche Spezialprodukte mit blödsinnigen Angaben werben, gnadenlos überteuert sind und die Leute verwirren. Ich möchte deshalb hier zunächst mit einigen Mythen aufräumen.

Überteuerte Spezialprodukte

Zunächst habe ich mich gefragt, ob das, was gern als „Tageslichtlampe“, „Lichttherapiegerät“ oder „Lichtdusche“ gehandelt wird, überhaupt irgendetwas Besonderes kann. Die Preise (siehe Screenshots) sind astronomisch – als ich diese Produkte aber in einem Elektronikhandel einmal in der Hand hatte, war ich regelrecht erschüttert, was das alles für schamlos überteuertes Plastikgeraffel ist. Man merkt den Produkten sofort an, dass sie für das Zehn- bis Zwanzigfache ihres tatsächlichen Materialwerts gehandelt werden – der Preis ist eine regelrechte Beleidigung für jeden, der auch nur ein wenig Gefühl für Elektrogeräte hat.

Philips EnergyUp: Klobig und unpraktisch. Verkaufspreis: 200 Euro; gefühlter Warenwert: 40 Euro.

Ich sehe keine physikalischen Gründe dafür, dass diese Produkte irgendetwas Besonderes an sich haben, und weder Hersteller noch Verkäufer konnten mir plausibel machen, dass dem so wäre. Dass die Lampen ein geeignetes Licht abgeben und wie versprochen wirken, glaube ich sofort – wenn ich so viel Geld dafür ausgeben würde, würde ich als Kunde auch eine Fünf-Sterne-Bewertung verfassen – aber ich bin auch sicher, dass man den gleichen Effekt auch für einen Bruchteil der Kosten erreichen kann. Meine Vermutung ist, dass diese Produkte nur zu so lächerlich hohen Preisen über den Ladentisch gehen, weil es geht. Wer sich ernsthaft um sein Befinden sorgt und sich des Problems bewusst ist, greift eben auch eher entsprechend tief in die Tasche, und glaubt dann umso stärker an einen Erfolg. Zum Anderen habe ich gehört, dass solche Geräte unter Umständen von Ärzten verschrieben und von Krankenkassen bezahlt werden – dann ist natürlich sofort klar, warum die Hersteller fünf- bis zehnmal soviel verlangen können, wie angemessen wäre. Einen handfesten Vorteil haben diese Lampen tatsächlich: Sie haben eine ausgedehnte Leuchtfläche und lassen sich gut auf dem Tisch in der Nähe des Gesichts platzieren. Dieser Effekt ist mit günstigen Lampen und Leuchten etwas schwieriger zu erreichen – aber auch nicht so sehr, dass es die Mondpreise dieser Geräte rechtfertigen würde.

Worauf man achten sollte

Kommen wir also zu der Suche nach vernünftigen Alternativen: Wie finden wir eine Lampe, die zu einem vernünftigen Preis tut, was wir wollen? Was sind die wirklich relevanten Kriterien für unseren Sonnenersatz? Leider werfen Hersteller und Verkäufer auch hier mit Halbwissen um sich. Versuchen wir mal, die verschiedenen Kriterien zu ordnen.

  • Beleuchtungsstärke: „10.000 Lux!“, schreit einem alles entgegen: man brauche 10.000 Lux, unter 10.000 Lux wirke eine Lampe nicht, dieses oder jenes Produkt hätte 10.000 Lux. Alles Blödsinn, oder mindestens unvollständig und grob irreführend. Zunächst mal hängt die Beleuchtungsstärke, die in Lux gemessen wird, vom Abstand zu einer Quelle ab. Wenn Sie also vor einer Lampe stehen, die „10.000 Lux hat“, und einen Schritt nach hinten machen, ist es schon essig mit 10.000 Lux Beleuchtungsstärke. Für welchen Abstand eine konkret angegebene Beleuchtungsstärke berechnet ist, wird selten dazugesagt. Natürlich sollte eine Lampe eine gewisse Stärke haben, um gut zu wirken – aber damit sie überhaupt wirken kann, muss erstmal das Spektrum stimmen. Die Beleuchtungsstärke allein anzugeben ist genauso sinnlos, als würde man sagen: „Gegen Eisenmangel solltest Du am Tag 800 Gramm Nahrung zu Dir nehmen!“ – wer die falsche Nahrung wählt, kann trotzdem an Eisenmangel leiden.
  • Lichtstrom: Statt der Beleuchtungsstärke (in Lux) bietet sich eher der Lichtstrom (in Lumen) einer Lampe als Maß dafür an, wie hell sie ist. Der Lichtstrom in Lumen gibt an, wie viel Licht eine Lampe insgesamt abgibt – schließlich hat man von Glühbirnen früher auch die Leistung in Watt angegeben, um sich über die Helligkeit zu unterhalten. Diesem Wert entspricht bei modernen Lampen der Lichtstrom in Lumen noch am direktesten. Eine kleine Eselsbrücke für Freunde der Astronomie: Die Angabe in Lux ist so etwas wie die Helligkeit (Magnitude) eines Sterns, während die Angabe in Lumen eher der Leuchtkraft entspricht. Als Richtwert: Ich habe mich für eine Energiesparlampe entschieden, die 810 Lumen hat. Ich betreibe sie in einem Abstand von etwa 90 bis 100 Zentimetern zu meinem Gesicht, und sie ballert ganz ordentlich – so, dass es manche schon als störend empfinden dürften.
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    Das Spektrum der Sonne entspricht einer Farbtemperatur von rund 5.500 Kelvin. Es hat einen starken Blau-Anteil. Bild: © Charles Chandler

    Spektrum: Das Spektrum ist der eigentliche Schlüssel! Hier muss genügend blaues Licht, also Licht der Wellenlängen 450 bis 480 Nanometer enthalten sein, damit der Trick mit dem Melatonin klappt. Wenn dieser Anteil des Lichts fehlt, kann die Lampe noch so stark sein und trotzdem nicht helfen. Leider geben Hersteller von Lampen fast nie ein ordentliches Spektrum an. Deshalb muss man behelfsweise auf die „Farbtemperatur“ in Kelvin (K) achten. In grober Näherung wird mit höherer Farbtemperatur die Wellenlänge immer kleiner. Das Sonnenlicht entspricht etwa 5.500 Kelvin, aber die meisten Glühbirnen und Lampen in unserem Alltag dümpeln um die 2.500 bis 3.000 Kelvin herum. Das ist dann „schön warmes Licht“, aber es enthält kaum Wellenlängen, die hilfreich wären, um Sonnenlicht zu ersetzen. Für unsere Zwecke sollte die Lampe also eine Farbtemperatur von mindestens 5.500 Kelvin, am besten sogar 6.000 oder 6.500 Kelvin haben. Bei Leuchtstofflampen ist offenbar gleich eine ganze Reihe seltsamer Nummern (830, 850, 880) und nichtssagender Bezeichnungen („Warm White“, „Cool White“ oder „Sky-White“) üblich, die man dankenswerterweise mithilfe dieser Webseite einer vernünftigen Angabe als Farbtemperatur zuordnen kann.

  • Lichtquelle: Akzeptable Preise und Energieeffizienz bieten vor allem Energiesparlampen und LED-Lampen. Allerdings haben LEDs die Eigenschaft, kein so schön „bauchiges“ Spektrum wie die Sonne abzuliefern, sondern eher „zackige“ Spektren zu haben – da wird weißes Licht auch schon mal aus einer roten, einer gelben und einer blauen Linie zusammengesetzt, und wenn man Pech hat sind die gewünschten 450 bis 470 Nanometer gar nicht dabei. Ich würde deshalb zu Energiesparlampen raten, außer man kann von einer konkreten LED-Lampe anhand des Spektrums sicherstellen, dass sie die gewünschten Wellenlängen am Start hat – so wie es augenscheinlich für dieses Produkt ausweislich dieses Spektrums (gerade noch) der Fall ist.

Die Lampe meiner Wahl

Conrad-Artikelnummer: 574668. Farbtemperatur: 6.500 Kelvin; Lichtstrom: 810 Lumen.

Conrad-Artikelnummer: 574668. Farbtemperatur: 6.500 Kelvin; Lichtstrom: 810 Lumen.

Baumärkte sind scheiße.

Baumärkte sind scheiße.

Ich habe mich letztlich für die rechts gezeigte Energiesparlampe entschieden. Ich musste durch fünf Bau- und Elektromärkte laufen und mir jede Menge Unfug anhören, bis ein Verkäufer bei (meinem zweiten) Conrad endlich wusste, was Sache ist. Ich war sogar in einem edlen, teuren, wunderhübschen „Beleuchtungshaus“ in der Hamburger Innenstadt, wo es hieß: „Lampen mit Farbtemperaturen von 5.000 Kelvin oder höher führen wir gar nicht.“ Hallo?! Das ist als würde einem an einer riesigen Käsetheke erklärt, dass man grundsätzlich keinen Käse mit Löchern im Sortiment habe. Saftladen.

Wie dem auch sei – mit E27-Fassung und Stromkabel mit Schalter kostete mich der Spaß knapp 18 Euro. Ich hätte auch eine fertige Leuchte aus Fassung+Kabel+Lampenschirm kaufen können, aber nirgendwo war etwas Geeignetes für den Schreibtisch zu finden – das ist wie oben erwähnt die eine Stärke, die spezielle „Tagelichtlampen“ haben. Ich habe letztlich einen alten Plastik-Trinkbecher zweckentfremdet, der sich gut als umgedrehter Lampenschirm und Aufsteller eignet. Dieser steht nun ganz in der Nähe des Monitors, in dessen Richtung ich ohnehin immer schaue, wenn ich am Schreibtisch sitze. Das Licht trifft deshalb ziemlich direkt mein Gesicht und meine Augen, obwohl ich nicht reinschaue. Um – falls ich doch mal hinschaue – nicht so direkt auf die „nackte Birne“ zu gucken, habe ich eine doppelt gefaltete Klarsichthülle mit Klebeband an dem Trinkbecher befestigt. Die zerstreut das Licht angenehm, ohne allerdings zuviel davon zu schlucken.

Man lasse sich von der automatischen Blenden-Korrektur in den folgenden Fotos nicht täuschen: Die Lampe ist ausgesprochen hell.

Anwendung und Wirkung

BlindingLight Es wird empfohlen, Tageslichtlampen am Morgen für 15 bis 30 Minuten einzusetzen. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, nach dem Aufwachen nicht zum Smartphone zu greifen, sondern aus dem Bett zu stolpern und mit angeschalteter Lampe vor dem Rechner Nachrichten zu lesen. So kann ich die „Dosis“ für den Tag aufnehmen, ohne mir extra Zeit dafür zu nehmen. Wenn ich die Artikel über die Wirkung von Melatonin richtig verstanden habe, kann die Lampe abends und nachts auch dabei helfen, Müdigkeit hinauszuzögern. (Einige mögen darin einen „gefährlichen Eingriff“ in irgendeinen „natürlichen Schlafrhythmus“ sehen, aber ich halte es für ein Instrument der Chronoemanzipation.)

Auch wenn ich erst seit einigen Wochen dabei bin und die Lampe nicht konsequent jeden Tag nutze, habe ich durchaus positive Effekte beobachtet. Ich bemerke meist am späteren Nachmittag und im Laufe des Abends einen Unterschied, ob ich morgens vor der Lampe saß oder nicht.

Sicherlich wird das Gemüt im Wechsel der Jahreszeiten auch durch Ernährung, Bewegung, psychosoziale und weitere Faktoren beeinflusst. Ich denke aber, dass jeder nach den hier vorgestellten Maßgaben die Chance hat, für wenig Geld zu überprüfen, ob Sonnenlicht-Ersatz eine angemessene Hilfestellung für die dunklen Monate sein kann. Viel Erfolg!

Nach der gestrigen Nacht des 10. Januar im Gefahrengebiet, von der ich voraussichtlich noch meinen gelangweilt aber höflich zuhörenden Enkeln erzählen werde, sah ich auf Twitter die Einschätzung des Kollegen Jan Penz auf Twitter, der erklärte:

Gefahrengebiet ist Mist, aber Kissenschlachten u. ä. ist Kindergarten. Besser sachlich seriöse Argumente.

Mich ärgert das sehr, und ich muss vehement widersprechen. Da meine Meinung nicht auf Twitter passt, ist dieser Text entstanden.

Was war los?

Nach Monaten politischer Unruhe um Lampedusa in Hamburg, der Zwangsräumung der Esso-Häuser und der politisch gewollten Gewalteskalation am 21.12.2013 hat die Polizei am 4. Januar die Sternschanze, St. Pauli und halb Altona mit einer bürgerrechtsreduzierten Zone namens „Gefahrengebiet“ überzogen. Als Begründung gab die Polizei einen Angriff auf die Davidwache auf der Reeperbahn an – ein Ereignis, dessen Hergang sie offenbar eher kreativ ausgelegt hat.

Das Gefahrengebiet erregte überregionale Aufmerksamkeit, es kam jeden Abend zu Protesten, die mal mehr und mal weniger in Gewalt ausarteten. Kritische Stimmen in der Presse, politischer Druck in der Bürgerschaft und nicht nachlassender Widerstand auf der Straße führten vielleicht dazu, dass die Polizei am 9. Januar mit einem kläglichen Pseudo-Rückzieher versuchte, Druck vom Kessel zu nehmen.

Kissenschlacht

Zum Abend des 10. Januar wurde zu einer Kissenschlacht auf dem Spielbudenplatz aufgerufen. Ich hatte im Vorfeld meine Zweifel am Nutzen so einer Aktion, aber rückblickend war es das mit Abstand Beste, was in diesem verkorksten Ausnahmezustand passieren konnte.

Mit dabei war natürlich die Klobürste, das Symbol des Widerstands gegen das Gefahrengebiet. Die Geschichte, wie es zur Klobürste kam ist ein Symbol für das, was den tobenden Innensenator und die aufgestachelte Polizei mit ihrem gefährlichen Gefahrengebiet ins Mark trifft: der Staatsgewalt zu zeigen, dass sie sich lächerlich macht.

Nach der Kissenschlacht am 10. Januar waberte um den Paulinenplatz im Gefahrengebiet Musik aller Art, Tausende junger Leute standen vergnügt und ausgelassen herum, vereinzelt wurden Lagerfeuer aus weggeworfenen Tannenbäumen in der Mitte der Straße angelegt. Leute verglichen ihre stolz getragenen Klobürsten, manche mit LEDs, andere mit Luftballons und Bändchen; vereinzelt wurden auch themenverwandte Seitensprünge wie Pümpel oder Zahnbürste präsentiert.

Immer mal wieder zogen Spontandemos hierhin und dorthin, vor der Davidwache gab es dank korrekter Nachbarn eine punkig-aufständische Musikshow mit Tanz und Trommeleinlage. Inhaltlich war freie Auswahl: Bleiberecht, Mietenwahnsinn, „Lügner!“-Sprechchöre gegen die Polizei statt des üblichen „Haut ab!“. Später war die Wohlwillstraße über viele Stunden eine einzige Party mit Elektro-Musik aus offenen Fenstern, tanzenden Klobürstenschwingern und gelegentlichen Lagerfeuern aus eigens vom Straßenrand gesammelten Tannenbäumen. Feiernde Jugendliche vermischt mit Aktivisten, artistische Darbietungen mit blinkenden Hula Hoop-Reifen, tanzende Grüppchen auf der Straße, telefonische Verabredungen à la „Ich bin hinterm Feuer, da wo die Mukke ausm Haus kommt!“, ein vor Polizeiketten tanzender Mensch im Dinosaurier-Kostüm, Klobürsten-Jonglage und ab und zu ein vergnügt-respektvolles „Ey, geile Klobürste!“ von Mensch zu Mensch.

Und alle paar Meter blitzt plötzlich im Gesicht eines sich Umschauenden das hysterische Lachen der Erkenntnis auf: „Alter, was is hier eigentlich los?!“ Friedlicher Protest als Party, scheinbare Anarchie  ohne große Schäden, selbst die Polizei zurückhaltend, deeskalierend, ein bisschen deplatziert wenn sie mal wieder ein Lagerfeuer umringt und dessen Löschung übersieht. Um es mit @Street_Dogg zu sagen: „Das hat sich die SPD bestimmt so nicht vorgestellt!“

Oder doch lieber Seriöslichkeit?

Kommen wir zurück zu dieser Einschätzung:

Gefahrengebiet ist Mist, aber Kissenschlachten u. ä. ist Kindergarten. Besser sachlich seriöse Argumente.

Ich finde, das Gegenteil ist der Fall: Eine Kissenschlacht ist das beste, was in dieser politischen Situation passieren konnte. Spaß ist im Angesicht von Repression ein Aufbegehren, eine Entwaffnung, ein Ausdruck von Selbstsicherheit und Selbstbestimmung. Eine Kissenschlacht ist der Inbegriff eines Kampfes ohne Verletzte, einer Auseinandersetzung ohne bösen Willen und einer entspannten Atmosphäre.

Dem entgegen steht die Aussage des Polizeipressesprechers Mirko Streiber zur Klobürste:

Man kann zwar drüber lächeln, aber ich find das nicht witzig, weil es geht hier auch um Leib und Leben […], und da müsen wir wirklich sachlich bleiben.
(Link zum Video, wahrscheinlich bald wieder depubliziert)

Es geht aber nicht in erster, und nicht mal in zweiter oder dritter Linie um Leib und Leben. Es geht um eine Machtdemonstration, die einschüchtern soll und zu ihrer eigenen Legitimation eine Gefahr heraufbeschwört, die kaum vorhanden ist. Es geht um Menschen, die sich nicht mehr trauen, Küchenmesser oder Sportgeräte in ihrem eigenen Stadtteil zu transportieren, weil sie zufällig dunkle Kleidung haben. Es geht um Personalienkontrollen einer verdächtigen Menschenansammlung – die an einer Bushaltestelle wartet (kein Scherz). Es geht um sensationsgeile Boulevardmedien, die ganze Stadtteile in Verruf bringen, sodass ein verängstigtes Muttchen in Ottensen denken muss, auf der anderen Seite des Altonaer Bahnhofs ginge es zu wie im New York der 80er Jahre.

Doch Spaß und Humor hat eine stocksteife, selbstherrliche Staatsmacht nichts entgegenzusetzen. Eine Klobürste sagt mehr als hundert Steine, und Hunderte Klobürsten bringen uns nicht nur ins Fernsehen, sondern transportieren auch unsere Botschaft und machen den Innensenator nackig. Eine Kissenschlacht mit tausend Menschen ist kein größeres Theater als das Gefahrengebiet, in dem sie stattfindet.

Und die Seriöslichkeit? Die hat uns, mit Verlaub, dorthin gebracht, wo wir gerade sind. Selbsternannte und sogenannte Sozialdemokraten und Christdemokraten argumentieren mit großer Geste und schwerer Miene, manchmal auch mit triefend geheuchelter Empörung oder Schaum vorm Mund, es müsse dringend durchgegriffen werden, Freiräume wären ein Hort der Kriminalität und unüberwachte Kommunikation ein tödliches Risiko. Sie bauen einen Polizeistaat auf, aber verbitten sich den Begriff. Die Opposition hat in weiten Teilen Angst, dauerhaft von der Macht abgeschnitten zu sein und spielt hiemlich mit. Nein, dieser Politik und ihren Auswirkungen kann man noch am besten mit Humor und Ironie begegnen (nicht zuletzt, weil Alarmismus und Schwermut nachweislich nicht funktionieren).

Ein probates Mittel

Freilich sind Tannenbaum-Lagerfeuer mit angeschlossener Elektro-Party auf Kreuzungen kein Modell für jeden Abend im Wohngebiet. Angesichts der geballten Staatsmacht und der Auseinandersetzungen der letzten Wochen sind sie aber besser als das, was die Politik zu provozieren versucht hat, nämlich weitere Gewalt als Rechtfertigung für noch mehr Kontrollen. Und tatsächlich war, aus welchem Grund auch immer, die Polizei am gestrigen Abend weitgehend deeskalierend und zurückhaltend. Meinen Glückwunsch und Dank an die Teile der Polizeiführung, die erkannt haben, dass man Gewalt vorbeugt indem man keine Gewalt ausübt.

Ich habe gestern Tausende junger Menschen erlebt, die friedlich und kreativ gegen die Beschneidung ihrer Bürgerrechte eingetreten sind. Diese Antwort auf Repression voller Ironie und Spaß finde ich toll. Sie macht mir Hoffnung für die Zukunft meiner Generation in dieser Stadt. Wenn das nicht ‚seriös‘ ist: Na und?

Vodafone und ich, das ist sone Sache. 2008 wurde ich Arcor-Kunde, 2009 wurde aus Arcor dann Vodafone. Einmal habe ich gekündigt, mich aber vom Rückgewinnungs-Angebot wieder einfangen lassen. Zwei Jahre später wollte ich wirklich weg, aber 1&1 hat die Portierung verpatzt, sodass ich bis Mitte 2014 im Vertrag hänge. Vor ein paar Wochen habe ich dann endgültig zum Mai 2014 gekündigt, aber noch keine Bestätigung erhalten.

Gestern wurde mir dann am späten Nachmittag der DSL-Anschluss abgedreht. Das Modem hat keine DSL-Verbindung mehr – kein Sync-Fehler, wie er ab und zu vorkommt, sondern eine richtig tote Leitung, als hätte jemand im Keller die Drähte gekappt. Ein Anruf bei der Hotline ergab, dass mein Anschluss gekündigt, mein Zugang gelöscht und die Leitung stillgelegt sei –  Monate zu früh, und ohne dass ich eine Ankündigung oder überhaupt eine Bestätigung meiner Kündigung bekommen hätte.

Aus gut informierten Kreisen weiß ich, dass ich gestern nicht der einzige Kunde mit diesem Problem war. Auf Twitter fand sich darüber hinaus @BoBi_DiGiTaL, dem es ganz genauso ging: Vor Kurzem schriftlich gekündigt, keine Bestätigung erhalten, Vertrag läuft eigentlich noch mehrere Monate, gestern die Leitung gekappt, und niemand weiß warum.

Und nun? Ich bin offline und mein Festnetz ist platt, und das mehrere Monate zu früh. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, Vodafone los zu sein, aber so kann ich das nicht hinnehmen, und irgendwie glaube ich nicht recht, dass jetzt auch die Rechnungen aufhören. Bei Vodafone versichert man mir, dass „das so im System steht“. Wie und warum kann einem im Call-Center ja sowieso nie jemand erklären.

Ich werde jetzt jedenfalls Verbraucherzentrale und Bundesnetzagentur einschalten. Mich weiter mit Vodafone direkt auseinanderzusetzen erscheint mir so aussichtsreich, wie mit einem Schimpansen zu argumentieren, der mir im Wildpark den Außenspiegel abmontieren will.